Kooperativer Religionsunterricht

Revolutionäre Alternative in der Pandemie

Bayern gilt als streng katholisches Bundesland. Der Vorschlag des Kultusministers Michael Piazolo, in Bayern während der Corona-Pandemie einen kooperativen Religionsunterricht einzuführen, überraschte – Eltern, Lehrkräfte, Schulleiter und natürlich die Kirchen. Mit einem gemeinsamen Religionsunterricht soll die Durchmischung der Klassen und damit Infektionen verhindert werden.

Dem Vorschlag des bayerischen Kultusministeriums folgen bisher nur sehr wenige Schulen, vor allem Eltern lehnen das Kooperationsmodell ab. Mittelschulleiter fordern generell eine Neuausrichtung des Religionsunterrichts.

Eine Schule in Nürnberg sieht in dem Kooperationsmodell eine Chance, Religion einmal anders zu unterrichten.

Auf den Fluren des Martin-Behaim-Gymnasiums herrscht ungewohnte Stille. Viele Klassen des fünfzügigen Gymnasiums im Süden von Nürnberg sind im Distanzunterricht. Andere Klassen sind geteilt, wie die 5d, in der an diesem Morgen 14 Mädchen und Jungen sitzen. Auf dem Stundenplan steht Reli, also Religionskunde. Kurz vor Weihnachten geht es zum Beispiel um den Heiligen Nikolaus, Knecht Ruprecht, den Krampus und Wallfahrten zu heiligen Stätten:

Also Bräuche vom Nikolaus bis zum Weihnachtsmann. Wir haben einen kleinen Film angeschaut dazu und haben jetzt grad schon von Wallfahrten und du hast erzählt von orthodoxen Heiligenbildern und ja.

Susanne Lederer unterrichtet normalerweise katholische Religion. Gemeinsam mit der Schulleitung und anderen Lehrkräften entwickelte sie das Konzept zum kooperativen Religions- und Ethikuntericht. Der Grund: Zu viele Schülerinnen und Schüler mussten in den vergangenen Wochen auch wegen des klassenübergreifenden Religionsunterrichts in Quarantäne geschickt werden. Die Alternative: Überhaupt keinen Ethik- oder Religionsunterricht bzw. in viel zu kleinen Einzelgruppen oder eben alle Schüler einer Klasse gemeinsam. Da an ihrem Gymnasium sowieso über 30 Nationen unterrichtet werden, sprach für die Katholischlehrerin nichts dagegen:

Also man macht ja keinen rein katholischen Unterricht, da würde man noch andere Aspekte mit rein bringen, sondern man versucht schon, das eben den anderen Kindern, speziell zum Weihnachtsfest, natürlich den Aspekt für alle Kinder verständlich zu machen. Letztlich hat es ja auch gut geklappt und mir gefallen das Projekt.

Problemlos Themen fächerübergreifend behandeln

Etliche Themen könnten problemlos fächerübergreifend behandelt werden und stünden so auch in den bayerischen Lehrplänen, erklärt die Religionslehrerin: welche unterschiedlichen Feste gibt es, was bedeuten Freundschaften in den einzelnen Kulturen, warum und wie wird Menschen in den einzelnen Erdteilen geholfen, zum Beispiel durch Hilfsorganisationen oder ehrenamtlich, was bedeuten Kinderrechte weltweit und schließlich der Umgang mit den Möglichkeiten der Medizin, Medizinethik.

Es wurden bewusst solche Themen ausgewählt, wo es interessant ist, verschiedene Perspektiven kennenzulernen. Ich denke, dass ist das, was wir hier an der Schule erzielen wollen, dass Kinder lernen, Themen von verschiedenen Seiten zu sehen und Meinungen anderer zu respektieren.

Sagt Schulleiterin Gabriele Kuen, selbst Katholischlehrerin. Vier verschiedene Modell waren den bayerischen Schulen vom Kultusministerium vorgeschlagen worden.

Wichtigster Punkt: Keine Missionierung in irgendeine Richtung. Und: Zustimmung aller Eltern und beteiligten Lehrkräfte. Vor allem bei den muslimischen Eltern, deren Kinder mehrheitlich den Ethikunterricht besuchen, gab es anfangs große Vorbehalte, beschreibt Schulleiterin Kuen:

Manche haben die Sorge, dass ihr muslimisches Kind das katholische Glaubensbekenntnis auswendig lernen muss oder gar, dass ein evangelischer Religionslehrer dem muslimischen Kind den Islam beibringt. Oder Eltern, die ihr Kind bisher bewusst nicht religiös erzogen haben, hatten die Befürchtung, dass jetzt ihre ganze Erziehung über den Haufen geschmissen wird, wenn jetzt der evangelische oder katholische Religionslehrer sich einmischt.

Neugier auf den neuen Unterricht

Bei den 9- und 10jährigen überwiegt vor allem die Neugier auf den neuen Unterricht. Einige vermissen zwar Freunde aus anderen Klassen, die sie sonst im Ethikunterricht sehen, die meisten interessiert das Kooperationsmodell schon:

Also ich bin die Hannah und gehe normalerweise in katholische Religion, und ich finde es toll, wenn wir jetzt mal mit der ganzen Klasse Unterricht haben, denn so lernen wir auch von anderen Religionen mehr und das ist halt mal was anderes als immer nur katholisch Unterricht, da schauen wir auch mal in den Ethikuntericht und auch in den Evangelischunterricht.

Ich bin Helene und bin normalerweise im evangelischen Unterricht. Ich finde das auch ganz cool, weil wir haben neulich einen Kalender gehabt mit den Festen auch aus anderen Religionen und das ist ganz spannend, weil ich das vorher noch nicht von den anderen Religionen wusste.

Also ich finde es gut, ich bin Muslimin und habe jetzt sehr viel über Christen gelernt in diesem Unterricht, und das ist halt mal was Neues und Anderes.

Also ich heiße Serafima und bin eigentlich orthodox, deshalb gehe ich in Religion. Ich finde das Thema schon spannend, aber ich finde es auch gut, wenn wir Ethik mit anderen Kindern haben, dann können wir umso mehr Freunde haben und mehr Kinder kennenlernen.

Der Kooperationsunterricht geht jetzt aufgrund des Lockdown in Bayern in die Verlängerung. Grundsätzlich Religionsunterricht zumindest konfessionell zusammenzulegen, das will Schulleiterin Kuen aber nicht. Es werde eher Zeit, auch einen Islamunterricht für die muslimischen Schüler in Bayern einzuführen. Vielfalt statt Einheit:

Katholisch-Lehrerin Lederer sieht das ähnlich:

Ich plädiere doch noch für den konfessionellen Unterricht, aber natürlich weiß ich, dass die Zahlen zurückgehen und man sich Modelle für die Zukunft überlegen muss, aber mein Argument ist immer noch, dass ich erstmal das Eigene richtig kennenlernen möchte, aber diese Projekte immer häufiger zu machen, immer öfter noch weiter zu öffnen, dass wäre schon ein Weg. Aber nicht gleich mit neuem Lehrplan und so, da wäre ich noch etwas vorsichtig.

ENDE