
„Soviele afrikanische Länder haben den Papst eingeladen, sie zu besuchen, aber der Papst hat entschieden, nach Kamerun zu kommen, auf seiner ersten Reise nach Afrika. Das ist für mich ein sehr großer Segen, für unser Land, für die Christen von Kamerun und die gesamte Bevölkerung.“ (Erzbischof von Bamenda Andrew Nkea)
Die dritte Auslandsreise von Papst Leo XIV. geht nach Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea. Die zweite Station nach dem überwiegend muslimischen Algerien geht in ein Land, in der die Christen rund 70 Prozent der Bevölkerung stellen. Nicht nur Katholiken, auch Protestanten, Baptisten und Anglikaner bestimmen das religiöse Leben in dem zentralafrikanischen Staat. Es ist der vierte Besuch eines Papstes in Kamerun nach zwei Reisen Papst Johannes Paul II. 1985 und 1995 sowie Benedikt XVI. 2009. Überraschend reist er auch in die Krisenregion von Bamenda.

Gottesdienst im kleinen Ort Otélé im Süden von Kamerun. Die meisten der Gläubigen sind aus den umlegenden Bauernsiedlungen zu Fuß zu der kleinen Backsteinkirche mit dem markanten Glockenturm gepilgert. Die sandigen Straßen jenseits der Nationalroute sind unbefestigt und in der Regenzeit mit Autos oder den allgegenwärtigen Mopeds oft nicht passierbar. Die Kommune hat kein Geld. Hilfsgelder für medizinische Versorgung oder Infrastruktur versacken in den Ministerien der Hauptstadt.
Das Innere der wellblechgedeckten Kirche – schlicht. Durch die fensterlosen Maueröffnungen hört man Hühner und Ziegen. Vor dem Altar bunte Blumensträuße. Junge Mädchen singen und tanzen barfuss zu den Trommel- und Balafonklängen.
Otélé liegt an der Grenze von zwei der 21 Bistümern Kameruns, rund 40 Autominuten von der Hauptstadt Yaoundé entfernt. Eine typische katholische Gemeinde in einer der fünf Erzbistümern des Landes. Bei Beerdigungen oder den aufwendig organisierten Hochzeiten schauen die Bischöfe gern persönlich vorbei, lassen sich beköstigen. Geistliche werden umsorgt von der großteils ärmlich lebenden Bevölkerung. Egal ob sie das Zölibat verletzen, uneheliche Kinder zeugen und deren Mütter in Kanada alimentieren. Der Vatikan ist hier weit weg, innerkirchliche Dispute werden zur Kenntnis genommen, jede Neuerung wie ein Ende des Zölibats, Schwangerschaftsverhütung, Aidsprophylaxe mittels Kondom oder Änderungen der Liturgie, wie von Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1995 angeregt, strikt abgelehnt. Die Gläubigen erwarten nur eines vom Papst – Hilfe beim Ausbruch aus der Stagnation.

Der mit 150 Jahren relativ junge christliche Glaube ist eine wichtige Konstante im Leben von rund 70 Prozent der Bevölkerung. Ob Katholiken, Protestanten, Anglikaner oder Adventisten – vom hohen Norden im Sahel bis in den Regenwald im Osten und dem Grasland im Süd- und Nordwesten. Beten gehört zum Alltag.
Und im Unterschied zu Europa wachsen die Gemeinden und die Zahl von Priesterseminaristen unaufhörlich. Kürzlich wurde im Nordwesten der erste ehemalige Muslim zum katholischen Priester geweiht. Bis vor einigen Jahren wurden auch in Otélé Priester ausgebildet, verantwortet von dem schweizer Kloster Engelberg unter Abt Christian Meyer. Es wurde Viehzucht gelehrt, Palmwirtschaft betrieben. Das langgestreckte Gebäude steht noch heute. Kloster Engelberg ist auch für das Benediktinerkloster am Mont Fébé verantwortlich, hoch über Kameruns Hauptstadt Yaoundé. In direkter Nachbarschaft zur Unterkunft Papst Leos XIV. während seines viertägigen Besuches:
Also das katholisch-kirchliche Leben in Kamerun ist sehr aktiv und sehr breit abgestützt. Die Priester selbst in den Diözesen müssen schauen, wie sie halt zu ihrer Entlöhnung kommen, durch das Kirchenopfer, durch Spenden etc.
In unserem Kloster im Mont Fébé, die Eintritte in den letzten Jahren waren gut. Es ist ein strenges Auswahlverfahren, damit nicht einfach die Leute eintreten und denken, sie hätten jetzt dann einen gedeckten Tisch.

Mit Kamerun hat der Vatikan seit Jahren einen verlässlichen Partner in Zentralafrika, der Äquatorial-Guinea mitbetreut. Zahlreiche von Europa aus gegründete Klöster sorgen für Bildung, Arbeit und finanzielle Sicherheit in den Regionen: Das Karmelitenkloster in Efouan wurde von Deutschen gegründet ebenso die Jesus-Bruderschaft vom Kloster Gnadenthal und das Benediktinerinnenkloster der Sarner Schwestern im Nordwesten des Landes.
Deutschland unterstützt Kamerun außerdem bei der Ausbildung von Priestern, wie die Münchner Ostpriesterhilfe „Kirche in Not“ und das Erzbistum Köln. Der erste apostolische Vikar von Kamerun Heinrich Vieter kam 1890 aus dem Münsterland.

Einige kameruner Geistliche kennen Deutschland von Studienaufenthalten wie der Bischof von Mbalmayo Joseph-Marie Ndi-Okalla oder Bischof Bruno Ateba Edo von Maroua-Mokolo, der Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch 2009 auf deutsch begrüßte. Und auch dieses Mal, bei Papst Leo XVI. wieder viel erwartet:
Die von uns erwartete Botschaft des Papstes ist die für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Versöhnung. Wir laden alle Menschen ein, sich darauf vorzubereiten, wir erwarten seinen Besuch mit viel Hoffnung…

In Kamerun wartet und betet die Bevölkerung seit Jahren für einen Regimewechsel, eine Erneuerung nach 44jähriger Alleinherrschaft des 93jährigen Staatspräsidenten. Der Papstbesuch spaltet die Gläubigen: Für die Hoffnungsvollen ist er der Erlöser, der den politischen Wechsel einleiten wird, für die Resignierten, nur ein weiterer Papstbesuch, bei dem Straßen neu geteert werden, der Müll für einige Tage beseitigt, aber auch die Stände der Straßenverkäuferinnen zerstört werden. Danach bleibe alles beim Alten.
Korruption unter lokalen Beamten, kaputte Straßen und die Sorge, dass der Priester sich in die nächstgrößere Stadt versetzen lässt, beunruhigen die Gemeinden. Denn seit Anfang der 2000er Jahre das Erzbistum Yaoundé durch Immobilienspekulationen Millionen an Schulden hinterlassen hat und jahrelang kirchliche Grundstücke unter der Hand weiterverkauft wurden, leben die Priester von den Spenden ihrer Gemeinden. Und die sind in den Städten größer als auf dem Land. Finanzielle Hilfe hätte derVatikan Papst nie im Gepäck gehabt, lautet eine Kritik.

Am Ende des Gottesdienstes in Otélé liegen Bananenstauden, Kartoffeln, Maniok und Mais im gefliesten Altarbereich für den Priester bereit. Pakete in Geschenkpapier, Getränkepacks und Flaschen mit lokalem Palmöl. Die gespendete Ziege wartet vor der Kirche. Ein DJ legt später vor der Kirche Musik auf, die Menschen tanzen in der Sonne, der Priester mittendrin.
Seit sicher ist, dass der Papst auf seiner Afrikareise auch Kamerun besucht, wird landesweit in den Gemeinden Geld gesammelt und ein gemeinsames Papstgebet gesprochen. Es werden Spenden eingefordert, wie schon beim Papstbesuch 1985, 1995 und 2009. Die Reise wird von den afrikanischen Diözesen finanziert.

Immer samstags 18 Uhr wird es eng rund um die Kathedrale St. Pierre et Paul in Douala, der wichtigsten Wirtschaftsmetropole Kameruns. Nicht nur samstags, auch werktags rufen die Glocken zweimal am Tag zur katholischen Messe, 6.15 Uhr früh und 18.30 Uhr zum Sonnenuntergang. Oft stehen die Menschen aus Platzmangel vor dem Eingang der riesigen Kirche aus den 1930er Jahren. Von draußen sind die Gesänge des Kirchenchores zu hören. Liturgische Gesänge mit afrikanischen Rhythmen. Es wird Abendmahl gefeiert. Einige Gläubige werfen sich auf den Boden vor den Priestern. Im 19. Jahrhundert brachten Misssionare der Pallotiner aus Bayern das Christentum nach Douala, der ersten Hauptstadt der deutschen Kolonie. Gegenüber von St. Pierre et Paul liegen sie auf dem deutschen Friedhof, die Missionare. Neben deutschen Händlern und Soldaten.

Statt in der Kathedrale wird der Papst weit außerhalb des Stadtzentrums im Fussballstadion im Osten von Douala auftreten. Erzbischof Samuel Kleda gehört zu den bekanntesten Kritikern der kameruner Regierung. Erst im Dezember hatte er gefordert, die hohe Zahl an Verhafteten rund um die umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Oktober freizulassen. An Heiligabend feierte er als Zeichen seines Protests eine Messe mit den rund 1000 politischen Gefangenen im größten Gefängnis der Hafenstadt, einem deutschen Kolonialbau. Als Vorsitzender der Nationalen kameruner Bischofskonferenz CENC ein unbequemer Mahner, der mit Blick auf den Papstbesuch einmal mehr wirtschaftliche Reformen, bessere Bildung für die Jugendlichen und eine umfassende Korruptionsbekämpfung einfordert:
Um einen tiefgreifenden Wandel unserer Gesellschaft zu erreichen brauchen wir zuallererst Frieden. Dazu gehört auch die Freilassung der Gefangenen. Es sind noch viel zu viele im Gefängnis… Außerdem kennen wir zu viele Fälle, in denen Geistliche entführt oder getötet wurden in unserem Land.
Die Kirche versucht der Bevölkerung Halt zu geben, die im vergangenen Jahr auf einen politischen Wechsel hoffte. Der wurde im Oktober zerstört durch die umstrittene Wiederwahl des seit 44 Jahren regierenden Staatspräsidenten Paul Biya. Der 93-Jährige zeigt sich auf riesigen Straßenplakaten mit Papst Leo XIV. selbstbewusst unter dem Slogan „Land der Hoffnung“.

Dass der Papst neben Yaoundé und Douala auch nach Bamenda fliegt, in den Nordwesten, wo seit sechs Jahren kein Flugzeug mehr gelandet ist und täglich Menschen ermordet werden, rechnen ihm die christlichen Gemeinden hoch an. Auch wenn die Wirkung gering eingeschätzt wird.
Wie soll ein Friedensprozess stattfinden können, wenn es keine Vermittlung in einem Konflikt gibt, der seit 2016 andauert und Tausende von Toten, Vertreibungen sowie den Zusammenbruch des zivilen Lebens in den nordwestlichen und südwestlichen Regionen Kameruns zur Folge hat? …
Ambe Fokwa aus Bafut im englischsprachigen Nordwesten Kameruns fordert in seinem offenen Brief an den Vatikan ein konkretes Eingreifen des Papstes in den Konflikt. Journalist und Autor Kingsley Nche aus Bamenda sieht der unter strengen Sicherheitsvorkehrungen vorbereiteten Papstmesse mit gemischten Gefühlen entgegen:
Ich denke, der Papst kann als religiöse Autorität einen Beitrag zur Versöhnung leisten, die Menschen erwarten einen deutlichen Einfluss auf ein Ende des Konflikts oder zumindest Lösungsvorschläge, wie ein nationaler Dialog, ähnlich wie 2019, gelingen kann.

ENDE
