Gegen Wüstenausbreitung und Regenwaldabholzung.

Projekte gegen die Umweltzerstörung in Kamerun / Journal Panorama ORF Ö1

Gegen Wüstenausbreitung und Regenwaldabholzung.
Holztransporter auf dem Weg nach Lomié/Ostkamerun

Seit Rodungen und Abholzungen am Amazonas öffentlich geächtet werden, sorgt das Kongobecken für immer mehr Begehrlichkeiten. Dort befindet sich der zweitgrößte Regenwald der Welt. Wenig Berichterstattung und korrupte Regierungen wie in Kamerun machen es den internationalen Firmen leicht, Konzessionen für umfangreiche Abholzungen wertvoller Tropenhölzer zu bekommen. Indigene Völker sollen dafür weichen. Die Bevölkerung wehrt sich dagegen und sucht eigene Wege, um Produkte aus dem Regenwald zu vermarkten und die Bäume zu retten. Wissenschaftler der Universität in Kameruns Hauptstadt Yaoundé helfen dabei.

Da der Preis für Palmöl schwankt aufgrund der langjährigen Proteste von Umweltschützern und keinen stabilen Absatz mehr garantiert, setzen Palmölbauern verstärkt auf einen Umbau der Monokulturen und neue Anbauformen.

Kameruns Kampf gegen den Klimawandel | DO | 17 02 2022 | 18:25 – oe1.ORF.at

Auf der ausgewaschenen Piste in Nomedjoh im Osten von Kamerun nahe der Stadt Lomié fahren Holzlaster mit gewaltigen Baumstämmen nahezu im Minutentakt durch das Dorf. Staub wirbelt auf, legt sich erst Minuten später. Hat es geregnet und die Straße wird wegen Rutschgefahr gesperrt, bilden sich lange LKW-Kolonnen auf der ungeteerten Waldstrasse mitten im Kameruner Kongo-Becken:

Das Holz, das hier vorbeigefahren wird, stammt aus mehreren Gebieten der Region. Sie fahren hier ständig entlang. Das verärgert uns schon etwas. Soweit wir wissen geht das nach Europa.

Emile Elenga ist Präsident der Baka-Gemeinschaft in der Nähe von Lomié.

Wie an einer Perlenschnur reihen sich an dieser Straße mitten durch den Regenwald die kleinen Siedlungen der indigenen Bevölkerung aneinander. Schweine laufen zwischen den Lehmhütten hin und her. Frauen kommen mit handgeflochtenen Bastkörben auf dem Rücken aus dem Wald.

Nur hier kann man noch die ursprünglichen Laubhütten der einst als Pygmäen bekannten Menschen sehen. Es herrscht ein reger Fussgängerverkehr zwischen den Siedlungen. Ab und zu ein Moped mit drei Leuten oben drauf. Vor einigen Lehmhütten sitzen Jugendliche mit Handys oder spielen Fussball. Bananenblätter liegen auf der festgestampften Erde, das Verpackungsmaterial der Baka, zum Beispiel für Bitterspinat, Buschfleisch oder Honigwaben, die von den Frauen an Vorbeifahrende verkauft werden:

Rund 100 Menschen leben hier darunter viele Kinder, ich habe neun, wir wohnen dort drüben in dem Haus.

Die Frau in dem bunten selbstgeschneiderten Kleid zeigt auf eine Lehmhütte auf der anderen Straßenseite. Auf der Leine davor baumelt Wäsche im Wind. Die Kinder kommen laut lärmend aus der Schule – die auch in einer Lehmhütte untergebracht ist.

Der Regenwald rund um das Dorf ist der Gemeinschaftswald der Baka, rechtlich eine der gültigen Eigentumsformen für Wälder in Kamerun – neben Staats-, Kommunal- und wenigen Privatflächen.

Als Baka gehe ich ja auch in den Wald, nutze den Wald, jetzt sollen wir nur noch in den Dörfern bleiben, entlang der Straße.

Kritisiert Dorfvorsteher Bebeli das Vorgehen der Regierung. Bebeli ist ein unerwartet junger Mann mit wachen Augen. Bei den Baka herrschen flache Hierarchien, vieles wird bei Diskussionen in der Ortskirche geklärt, dem größten Gebäude im Ort.

Das traditionelle afrikanische Recht kennt für Land eigentlich kein Privateigentum. Wegen der großen Armut verkaufen einige der umliegenden Dörfer die alten, großen Bäume ihres Kommunalwaldes für schnelles Geld. Dagegen geht die Zentralregierung vor: Um angeblich den Raubbau an den Tropenhölzern zu verhindern, zwingt die Regierung die Baka-Gemeinschaft, ihre traditionellen Streusiedlungen in den Wäldern aufzugeben:

OT Baka 1 Emile 2: Unser Kommunalwald gehört dem Dorf, dahinter kommt gleich das Dja-Reservat, Unesco-Weltnaturerbe. Da dürfen wir nicht hinein. Deshalb müssen wir einen anderen, weiteren Weg nehmen. In den Gebieten, die Pallisco, eine französische Firma bewirtschaftet, müssen wir uns vorher anmelden, mit wie vielen Personen und an welchem Tag wir in den Wald wollen.

Dass die Sorgen der Baka berechtigt sind, weiß auch Agrarexpertin Ute Nuber. Die Region Haut-Nyong, in der Ndjomedjo liegt, hat laut neuerer Daten von Global Forest Watch 13.000 Hektar Urwald verloren, rund 54 Prozent des Gebietes. Um zumindest von Seiten der Ureinwohner diese Entwicklung zu stoppen, versucht Nuber gemeinsam mit den Baka, neue Nichtholz-Einkommensquellen zu erschließen, ein von Deutschland finanziertes Projekt der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ: Ziel ist es, den Druck von den Wäldern zu nehmen und nachhaltige Perspektiven für die lokale Bevölkerung aufzuzeigen:

Ja, ich denke, dass die Sorgen schon berechtigt sind, man macht sich Sorgen um das Kongobecken, wir haben die Holzlaster gesehen, es ist nicht alles illegale Holzausbeute, was wir gesehen haben, wir waren entlang der Straßen unterwegs und naturgemäß ist der Wald entlang der Straßen immer stärker degradiert als mehrere Kilometer landeinwärts.

Degradiert heißt: Entlang der Waldpisten gibt es nur noch wenig unberührte Natur. Erkundungswege werden quer durch den Regenwald geschlagen, um den Standort der wertvollen Bäume zu finden. Und das sind viele: Moabi, Teak, Meranti, Bongossi, Ebenholz.

Die bis zu fünf Meter im Durchmesser riesigen, rötlichen Stämme werden auf dem Weltmarkt für viel Geld gehandelt. Sie sind dauerhaft haltbar, witterungsbeständig und widerstandsfähig. Außerdem sind sie, trotz langer Transportwege um die halbe Welt, oft billiger als einheimische Hölzer in Europa oder Amerika. Tropenholz kann als Bauholz vor allem gut im Außenbereich für Fassaden oder für Outdoor-Möbel verwendet werden, da sie wetterbeständig, keim- und pilzresistenter sind als ihre europäischen Verwandten.

Bereits 2010 setzte das das Europäische Parlament nach jahrelangem Ringen eine Gesetzesverordnung durch, die den Import und Handel von illegal geschlagenem Tropenholz und daraus gewonnen Produkten verbietet. Entlang der gesamten Lieferkette sollten Importeure und Händler verpflichtet sein, nur legal geschlagenes Holz zu verwenden.

Nachweise über die Herkunft der Tropenhölzer können vor Ort jedoch leicht gefälscht werden, die Menschen, die an den Kontrollposten arbeiten, verdienen wenig. Älteren Schätzungen der EU zufolge kamen 2013 33 % der gesamten Rundholzproduktion aus illegalem Holzeinschlag, 2015 stieg der Wert auf 65 % der gesamten Holzproduktion.

Partnerschaftsabkommen mit der EU stagniert

Im Rahmen des FLEGT-Aktionsplans der EU wurde ein Partnerschaftsabkommen mit Kamerun geschlossen. Zehn Jahre zuvor hatten bereits die Anrainerstaaten des Kongobeckens – Äquatorialguinea, Gabun, Kamerun, Republik Kongo, Tschad, Zentralafrikanische Republik – auf der sogenannten Yaoundé-Deklaration die Gründung der COMIFAC beschlossen, der Zentralafrikanischen Forstkommission. Sie soll sich dem Schutz des Tropenwalds im Kongobecken widmen. Die Vereinbarungen sind da, nur die Umsetzung scheitert.

Während Europa die Einfuhr reglementiert entdecken seit einigen Jahren asiatischen Firmen das Kongo-Becken für sich, für den Plantagenanbau. Kakao, Kautschuk. Die wertvollen Tropenhölzer der entwaldeten Flächen werden über die Häfen von Douala und Kribi Richtung China verschifft. Ob die Baumstämme eine Zertifizierung besitzen oder nicht, wie es für den europäischen Markt vorgeschrieben ist, interessiert in China nicht. Derartige Bestimmungen fehlen.

Involviert seien dabei auch europäische Firmen wie die Deutsche Bank, kritisiert Christoph Thies, der gemeinsam mit Kameruner Kollegen die Entwicklung für Greenpeace beobachtet.

10 000 Hektar Regenwald wurden zwischen 2011 und 2018 an der Grenze zu einem der wichtigen Naturschutzgebieten Zentralafrikas und dem Nachbarwald der Baka, dem 1987 als Unesco-Weltkulturerbe geschützten Dja-Nationalpark, abgeholzt – für eine Kautschukplantage der Firma Halcyon Agri aus Singapur. Greenpeace-Experte Thies schätzt, dass diese Abholzung ca. 11 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt hat:

Es ist ja da von der Firma im großen Stil Wald zerstört worden, es sind indigene Gemeinden vertrieben worden, es werden dort, wie auch in anderen Kautschukplantagen gefährliche Pestizide wie Glyphosat ausgebracht. Damit besteht die Gefahr, dass die Gewässer vergiftet werden.

Noch wird in Kamerun noch nicht so viel Raubbau am Regenwald betrieben wie am Amazonas. Aber das schlechte Image, das Investitionen in Südamerika mit sich bringen, wollen internationale Firmen nun in Zentralafrika vermeiden, ohne die vergleichbaren Folgen zu bedenken, sagt Thies:

Wir müssen auf das Kongobecken noch mehr aufpassen als auf den Amazonas, weil dort noch nicht so viel wirtschaftliche Entwicklung war und nicht so viel Waldrodung für Sojafelder, Palmöl oder Viehweiden. Aber das heißt eben, dass viele Konzerne auf die großen unberührten Flächen gucken und Begehrlichkeiten dort entstehen, und das zweite ist, dass die Bevölkerungsentwicklung, die Bevölkerungsexplsosion mit Abstand am stärkstenist im Vergleich mit den beiden anderen großen tropischen Regenwaldbecken am Amazonas und in Südostasien.

Um den Druck vom Regenwald zu nehmen, haben die Baka in Nomedjoh ein Moabi-Projekt gestartet.

Nichtholzprodukte als Überlebenschance für Ureinwohner und Regenwald

Mit schnellen Handgriffen klauben die Frauen und Männer die großen Früchte vom Boden des Regenwaldes auf. Die schwarzbraunen Nüsse stammen von dem riesigen Baum über ihnen – ein Moabibaum. Bis zu 70 Meter ragen die Stämme mit der ausladenden Krone weithin sichtbar auf.

Die Verwendung von Teilen der auffälligen Moabis gehört zu ihrer Kultur, einige der Bäume sind sogar heilig.

Den Moabi-Baum kann man vielseitig nutzen: Wir sammeln die Früchte, aus denen man Öl gewinnen kann, aus der Rinde kochen wir einen traditionellen Balsam, mit dem wir uns einreiben gegen Nieren- und Darmbeschwerden, die Wurzeln nutzen wir gegen Malaria. Aus dem Reisig machen wir Feuer.

Für Emile Elenga in Ostkamerun gehören die Moabibäume zu den wichtigsten Lieferanten von Öl, Arznei und Brennholz. Er und seine relativ neue Kooperative zum Sammeln und Verarbeiten von Moabi COTRAMO wissen, dass außerhalb seiner Heimat vor allem die bis zu 5 Meter dicken Stämme der Moabis besonders beliebt sind, zum Beispiel bei Schwerlastholzböden in Häfen oder auf Bohrinseln. In Wohnhäusern wird das Holz für den Fassaden- oder Terrassenbau verwendet, auch in Deutschland und Österreich. Der Grund: das Holz des Moabi gehört zu den härtesten und haltbarsten weltweit. Bis die Bäume rund 70 Meter hoch werden, dauert es gut 70 Jahre:

Wir Frauen sammeln hier die Moabinüsse nicht nur im Dorf, sondern laufen dafür auch durch den Wald. Rund 40-50 Kilogramm können da schon zusammenkommen pro Tag. Wir trocknen sie und verkaufen sie dann an eine Ölmühle in der nächsten Stadt, das ist Lomié, die wird ebenfalls von Frauen betrieben.

Erzählt Mene Jaket, Präsidentin der lokalen Moabi-Frauenkooperative. Sie kritisiert scharf den illegalen Holzeinschlag rund um ihr Dorf, denen auch die lukrativen Moabibäume zum Opfer fallen. Deshalb hat das Dorf eine Alternative entwickelt. Moabiprodukte wie der Sud aus der Rinde und das Moabiöl sollen nach alten traditionellen Rezepten auch auf den Märkten der Hauptstadt Yaoundé und wenn möglich im Ausland verkauft werden.

Weiterbildungsangebote

Bereits die Kinder helfen beim Sammeln mit, in der Schule wird der Wert von Natur-Produkten vermittelt. Die Frauen nehmen an Schulungen teil, die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit hilft beim Aufbau der Vermarktungskette:

Man kann das Öl für das Essen verwenden, man kann es für die Haarpflege verwenden, für die Haut, also sehr vielseitig.

Betont Emile Elenga.

Gründung der Frauenkooperative REFEDEM

Rund 20 Kilometer weiter, in Lomié kümmern sich die Frauen der neuen Kooperative REFEDEM um die Weiterverarbeitung der Nüsse. Sie müssen geschält, geschnitten, getrocknet, zerkleinert und dann zu dem gelben, dickflüssigen Öl weiterverarbeitet werden.

Wir verarbeiten hier verschiedene Regenwaldfrüchte, aber die Moabi sind wichtig, weil sie einen großen Wert haben, kulturell, aber auch physiologisch.

Betont die Präsidentin der Frauenkooperative. Neben dem Moabiöl stellen sie auch Produkte aus Samen und Rinde der Malakka, der afrikanischen Ölbohne her, einem Baum mit langen gefiederten Blättern, der bekannt ist für seine Wirkung in der Frauenheilkunde, bei Geschwüren sowie als Aphrodisiakum. Das Öl der Samen, das sogenannte “Owala-Öl” wird als Speiseöl bzw. für die Seifenherstellung genutzt. Daneben stellendie Frauen auch ein Streichfett vom wilden Mangobaum her.

Das sind alles Produkte, die schon unsere Großeltern hergestellt haben, die gibt es hier schon seit Jahrhunderten. Wir kannten hier früher kein Olivenöl, das jetzt hierher exportiert wird oder all die anderen Speiseöle.

Traditionelle Medizin nimmt in Afrika einen hohen Stellenwert ein. Auf den Märkten werden Pflanzenteile, Baumsamen und Holzstückchen gegen Hepatitis, Malaria und nicht zuletzt auch gegen Corona verkauft. Die meisten Menschen vertrauen auf die überlieferten Wirkungen.

Trotzdem gestalte sich der Verkauf schwierig, bedauern die Frauen. Viele Kameruner außerhalb des Regenwaldes kennen die Wirkungen der alten Arzneipflanzen nicht mehr. Aber es könnte eine Einnahmequelle werden, wenn es auch im Ausland Interesse an den Natur-Produkten aus dem Regenwald gäbe, sind sie überzeugt. Denn davon gibt es viele, einige sind bereits in europäischen Supermarkt- oder Drogerieregalen zu finden: Shea Butter, Neem-Öl, Balanites-Öl von der Wüstendattel, Baobab Pulver, Moringa Blätter, Djangsang Öl. Wenn dazu auch Moabi-Butter und das Fett der wilden Mango hinzukommen, könnten die Bäume stehen bleiben.

Graduiertenkolleg des Chemie-Insitituts Yaoundé mit der Universität Bielefeld

Wie Sie wissen liegt Kamerun in Zentralafrika und besitzt eine große Biodiversität, hier gibt es viele unterschiedliche Ökosysteme und Spezies und jedes dieser Ökosysteme ist einzigartig, das heißt, es gibt für Naturprodukte ungeheuer viel Potential.

Bruno Lenta leitet als Professor der Universität Yaoundé seit 2016 einen Chemie-Lehrgang. Gemeinsam mit seinen Doktoranden untersucht er, ob Regenwaldprodukte wie das Moabi-Öl, Stinkholz oder wilde Mango tatsächlich die ihnen nachgesagten Wirkungen haben:

Wir haben 500 Extrakte von rund 180 Heilpflanzen hergestellt und untersucht. Diesen Pflanzen wird eine antibakterielle Wirkung zugeschrieben, die wir untersuchen.

Mit modernsten Methoden konnte er gemeinsam mit Gastpromovierenden kamerunischer und anderer afrikanische Universitätenbelegen, dass mehr als 400 der Pflanzenextrakte gegen Bakterien wirken und dass 70 Extrakte gegen Parasiten wie etwa Plasmodien wirken, die Malaria auslösen können.

Wir haben in vitro-screenings vorgenommen wie auch in vivo-Untersuchungen und haben sie verglichen. Das befähigt uns jetzt, exakt die Toxizität wie auch die Pharmakogenetik und die Konzentration der Wirkstoffe in den einzelnen Pflanzenteilen zu bestimmen, so dass wir auf eine Zulassung durch das Ministerium hoffen.

Untersucht werden unter anderem die Wirkbestandteile der Cola-Nuss. Traditionell wird sie gekaut, der hohe Anteil an Koffein sorgt für Linderung bei Kopfschmerzen, Durchfall oder Fieber. Andere Stoffe wie Baumrinden werden gekocht und als Sud verabreicht. Mit der Herstellung von antibakterieller Seife konnte das Graduiertenkolleg bereits ein eigenes Produkt kreieren.

Wir haben einerseits eine Massenanalyse durchgeführt, aber auch die einzelnen, eigentlich vermischten Wirkstoffe extrahiert, die sonst eine Nebenwirkung hervorrufen könnten.

Ziel ist es einerseits, junge Studierende für Naturheilpflanzen ihrer Heimat Kamerun zu sensibilisieren, andererseits vor allem eine moderne Forschung direkt in Afrika zu etablieren.

Am Ende soll unter anderem ein Arzneimittelbuch für Naturheilstoffe aus Kamerun entstehen. Auch eine moderne Qualitätskontrolle der auf den lokalen Märkten angebotenen Heilpflanzen soll künftig möglich sein. Hilfreich dabei: Einer der teilnehmenden Professoren arbeitet als traditioneller Heiler und Wissenschaftler.

Palmölplantagen? Nein danke!

Die Kirche und der Ort Otélé in Zentralkamerun, 400 Kilometer westlich vom Baka-Gebiet gelegen, sind von ausgedehnten Palmplantagen umgeben. Die silbrig grünen-Wedel bestimmen das Ortsbild und die gesamte Region. Für Besucherinnen aus Europa ein exotischer Anblick von Urlaubsfeeling. Für Umweltschützer eine dramatische Entwicklung. Bei dem Dorfältesten von Hikoadjom, Sa majesté Bienvenue Wind, erzeugen sie zwiespältige Gefühle:

Wir haben hier viele Palmen, sie bringen Geld, aber es ist viel Arbeit und viele Leute machen das nicht mehr, weil die Arbeit hart ist ...

Wie viele Gemeinden in Kamerun und Westafrika hat auch Hikoadjom auf Palmölplantagen gesetzt, um die Kommune zu finanzieren. Der Regenwald wurde abgeholzt. Die riesigen Palmen angepflanzt. Ursprünglich gilt die aus Westafrika stammende Ölpalme mit ihren roten Früchten als wertvoller Öllieferant. Fast jede Lehmhütte rund um Otélé besitzt eine eigene Ölmühle und die typischen brusthohen Metallfässer, in denen die Früchte auf Feuer erhitzt werden, bevor mit Hilfe von mechanischen, hüfthohen Ölpressen, oft per Hand, das rötlich-gelbe Rohöl gewonnen wird.

Aus den Palmölkernen entsteht das Kernöl, erklärt dieser Junge, 15 Jahre alt. Dabei hilft die gesamte Kleinbauern-Familie mit:

Nach der Ernte werden die Kerne zwei Tage lang gut in der Sonne durchgetrocknet, danach kommen sie in die Fässer und werden erhitzt, fermentiert. Man muss ein paar Stunden warten bis sie platzen, dann kann man das Öl pressen.

Palmöl wurde in West- und Zentralafrika schon lange vor dem massiven Boom für Ernährung und Kosmetik genutzt. Auf kleinen Plantagen, nachhaltig. Erst die ständig steigende Nachfrage weltweit sorgte für die Abholzung der Wälder. Auch in Kamerun. Neben dem Gewinn durch Ölpalmen vergibt die Regierung Konzessionen für riesige Kakaoplantagen, für Mono-Kautschukanlagen. Internationale Firmen bieten der Regierung Kameruns hohe Summen für ein Stück Regenwald.

Palmölplantagen bringen den Kleinbauern aber nicht mehr das Geld, das sie erwartet hätten, sagt Dorfvorsteher Bienvenue Wind. Der Preis für Palmöl schwankt merklich:

Ich denke, dass das Kultivieren der Ölpalmen für den ländlichen Raum hier keine großen Vorteile mehr bringt. Die Palmen benötigen sehr viel Platz und der Ertrag ist niedrig. Ich habe selbst 15 Hektar Palmen, das müsste theoretisch viel Geld bringen, ist aber nicht so. Der Verkauf des Öls lohnt sich nicht mehr, der Preis ist extrem gefallen.

Befürworter der Palmölplantagen sagen:

Um die gleiche Menge Öl aus anderen Pflanzen zu erzeugen, würden deutlich größere Flächen benötigt. Auch die Verlagerung auf Sojaöl würde die ohnehin schon bestehenden Probleme nicht lösen: Während sich aus Ölpalmen rund 3,8 Tonnen Öl pro Hektar produzieren lassen, sind es bei Raps und Sonnenblumen nur 0,8 und bei Soja 0,5 Tonnen. Doch den Dorfbewohnern bringen diese Überlegungen wenig.

Den Preisverfall merken wir hier. Es betrifft uns nicht so massiv, weil unsere Kleinbauern nicht nur exportieren, sondern auch auf den lokalen Märkten verkaufen. Die Umweltdiskussion in Europa und den USA hat für eine Krise gesorgt.

Überlegt Albert Tapga. Der Unterpräfekt im zuständigen Arrondissement Ngoumou macht sich um die Zukunft seiner Landwirte noch keine Sorgen. Es habe aber ein Umdenken gegeben in der Bevölkerung:

Der Palmölanbau erweist sich als immer weniger rentabel. Das Öl wird weniger für die Lebensmittelproduktion genutzt, die Verwendung ist eingeschränkt worden. Das raffinierte Öl wird hingegen verstärkt verwendet, für Biodiesel. Deshalb denken einige Bauern jetzt um.

In Hikoadjom setzen die Kleinbauern jetzt auf krisensicheren Mischanbau: nicht nur auf Ölpalmen, sondern auch auf Gemüse und Obst, das in der Hauptstadt verkauft wird. Melonen, Papaya, Tomaten, Gurken, Gewürze.

Einer der Bauern inspiziert sein Melonen-Feld. Er hackt Unkraut weg, sieht nach dem Zustand der Jungpflanzen. Aufgrund des tropischen Klimas keimen die Samen extrem schnell, die Pflanzen schießen durch die Wärme und den Regen innerhalb von Tagen aus dem Boden. Die reifen Melonen könne er nach gut zwei Monaten bereits verkaufen.

Immer mehr Landwirte Kameruns setzen auch auf lukratives Aquafarming. Mitten im Regenwald oder auf ehemaligen landwirtschaftlichen Flächen – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Das Problem: die Finanzierung.

Holzkohle aus Holzabfall statt aus Bäumen

Fährt man auf der Straße von Lomié Richtung Hauptstadt Yaoundé zurück, fallen riesige schwarze Stoffsäcke am Strassenrand auf – Holzkohle, das noch immer wichtigste Brennmittel für Küche und Ofen. Andere Energiequellen wie Gas oder Strom lehnt die Landbevölkerung größtenteils ab oder ist schlichtweg nicht vorhanden. Traditionell wird die Holzkohle aus Baumstämmen hergestellt. 55 Prozent des globalen Holzes landen pro Jahr in Öfen und Kohlemeilern, rechnen Umweltschützer vor. Das Holz wird im Busch oft illegal geschlagen. Teilweise ziehen Holzkohle-Nomaden in Familienverbänden durchs Land und verkohlen alle Bäume, die sie fällen können. Um eine Tonne Grillkohle herzustellen, werden drei Tonnen Holz benötigt. Und der Verkaufspreis ist niedrig. Das nutzen auch Händler aus Europa aus. Stiftung Warentest untersuchte 2019 17 Holzkohlesäcke aus europäischen Bau- und Supermärkten. In fünf Produkten steckte Tropenholz.

Hinter den Säcken am Straßenrand, neben Lehmhütten qualmt es aus großen abgedeckten Gruben, den Kohlemeilern, erklärt diese Verkäuferin:

Die Holzabfälle werden hier angeliefert. Wir besitzen zwei Öfen, in denen das Holz eingeschlossen wird mit dem Ruß, wir müssen immer auf das Feuer achten. Das kann bis zu drei Tage dauern. Aber wir teilen uns die Arbeit auf.

Statt Bäume für die Holzkohleproduktion illegal im Wald zu schlagen gehen die Einheimischen seit einigen Jahren einen anderen Weg. Sie arbeiten mit Sägemühlen der Umgebung zusammen, kaufen ihnen die anfallenden Holzabfälle wie Bretter, Äste und Holzverschnitt ab. Hoffen so, die Abholzung einzudämmen.

Da hinten kann man unsere Kohlemeiler sehen, die brennen Tag und Nacht. Ja, wir kümmern uns darum.

Holzkohle aus Holzabfällen. Zum Schutz des Regenwaldes. Als nachhaltige Einkommensquelle, auch für den Export nach Europa.

Bäume für die Sahelzone. Flüchtlinge helfen mit.

Vom Regenwald in die Wüste. Dort wo Wasser Mangelware ist, dort liegt Minawao, Kameruns größtes Flüchtlingslager. Die Grenze zu Nigeria ist knapp 30 Kilometer entfernt. Mit knapp 70 000 Bewohnern ist es das größte Refugee-Camp dieser Art in der Lac-Tschad-Region. Benannt nach dem Tschadsee, dessen Wasserspiegel seit 1963 drastisch gesunken ist, um mehr als 90 %. Rund um das Camp wächst fast kein Baum mehr, der Wind hat leichtes Spiel bei der Austrocknung des Bodens. Trotzdem:

Wir haben mehr als 25 verschiedene Grünpflanzen hier im Camp. Sie werden unter den Campbewohner verteilt oder auf einem Feld gepflanzt, um Minawao wieder grüner zu machen.

Luka Haruna steht inmitten kleiner Setzlinge in einem Akazien-Wäldchen. In langen Reihen ziehen sich die filigranen grünen Bäume über ein eingezäuntes Feld. In einiger Entfernung befindet sich ein weiteres Feld mit Moringasträuchern, Neem- und Mangobäumen.

Diese Bäume hier wurden vor drei Jahren gepflanzt. Ja, wir müssen sie einzäunen, weil die Tiere sie sonst fressen, wir müssen sehr auf sie achtgeben, bis sie groß sind.

Der Nigerianer Haruna kam 2014 als Flüchtling in das Camp Minawao im Hohen Norden Kameruns. Heute kümmert er sich als einer von 16 Gärtnern um die grüne Lunge von Minawao, finanziert vom WWF und dem Lutherischer Weltbund LWF mit Sitz in Genf.

Besonders angetan ist Haruna von den sogenannten Cocons einer holländischen Firma. Mit deren Hilfe wurden rund 42 000 der insgesamt gut 500 000 Bäume des Camps gepflanzt.

Wir graben ein Loch für einen kleinen Baum, setzen ihn dort hinein und der Cocon kommt mit dem Loch darüber. In den Behälter füllen wir das Wasser. Die 25 Liter reichen für drei Monate.

Die hellbraunen, runden Cocons mit einem Loch in der Mitte sorgen für großes Interesse bei den Campbewohnern. Die innovative Erfindung aus kompostierbarem Recyclingmaterial hat gleich drei Funktionen: In den ersten Wochen schützt ein Deckel vor der Sonne und Austrocknung des Setzlings, der Behälter sorgt durch einen kleinen Wollfaden für die Wasserversorgung und nach drei Monaten ist das aus organischen Materialien bestehende Cocon zerfallen und dient als Dünger.

Mittlerweile gelten vier der sieben Campsektoren als Camp vert, als grünes Camp. Wir geben den Bewohnern einige der Obstgehölze zur Eigenversorgung, damit sie den Wert der Bäume auch schätzen.

Das Problem: Tiere aus dem Camp, wie Ziegen und Schafe, fressen die Schösslinge. Außerdem werden die mühsam gepflanzten Bäume, sobald sie zwei, drei Jahre alt sind, von Campbewohnern oft wieder abgeholzt, als Brennmaterial. Und damit das Fehlen von Ästen oder ganzen Bäumen nicht auffällt, kommen sie nachts.

Das Camp ist deshalb dazu übergegangen, als Holzersatz Briketts und Holzkohle aus Biomasse herzustellen, die rund um die Zelte und Behausungen der Flüchtlinge anfällt, erklärt Sali Innaba, Verwalter des Flüchtlingscamps.

Er verweist stolz auf die großen Flächen, wo die braunen ziegelförmigen Quader in der Sonne trocknen.

Sie hacken einfach die Zweige der Bäume ab, deshalb sind wir dazu übergegangen, auch vorbeugend, diese Briketts herzustellen zu lassen von Männern des Camps. Dasselbe gilt auch für die Holzkohle, die in einem extra Bereich hergestellt wird.

In der Ferne übt eine Frauengruppe einen traditionellen nigerianischen Tanz. Gärtner Haruna versucht auf einem anderen abgezäunten, sehr trockenen Feld zu erklären, warum viele der Obstbäume, die hier gepflanzt wurden, nicht überlebten:

Wir merken den Klimawandel sehr deutlich In diesem Jahr zum Beispiel war es relativ kühl und es gab viel Regen, im vergangenen Jahr hingegen sehr wenig Niederschläge und viele der Bäume sind einfach vertrocknet. Diese paar hier haben wir gerettet, ihnen geht es gut.

Start der Aufforstung durch UNHCR

Wir haben 2015, 2016 mit den Baumpflanzungen begonnen.

Erklärt Mylène Ahounou, Chefin des UNHCR-Flüchtlingshilfswerk in Maroua, der Regionalhauptstadt des Hohen Nordens Kameruns. In ihrem Büro in der Regionalhauptstadt Maroua hängen Landkarten von Kamerun und ihrer Region mit großen und kleinen Kreisen, eine Statistik zur Zahl der Flüchtlinge im Land. Um sich zuernähren brauchen sie Feuerholz für das Essen.

Eigentlich wuchsen in der Region viele Bäume, erzählt Ahounou, aber rund um das 2013 aufgebaute Flüchtlingslager herrscht jetzt staubtrockene, baumlose Savanne. Nachdem das Camp vom UNHCR Flüchtlingshilfswerk errichtet wurde, verschwand fast die gesamte Vegetation, alles Brennbare wurde gesammelt, die Bäume landeten im Holzfeuer:

Seitdem haben wir viele Kampagnen gefahren für eine Sensibilisierung der Campbewohner, warum es wichtig ist, die Bäume zu pflanzen. Welchen Nutzen es für das Camp hat. Danach bauten wir gemeinsam die Baumschulen auf, davon gibt es jetzt zwei.

Der Nutzen ist offensichtlich: Durch die Wiederaufforstung wird das Auslaugen der Böden verlangsamt, Regen kann, wenn er fällt, besser gespeichert werden durch die Wurzeln. Tiere und Menschen finden Schatten gegen die tropische Sonne. Die Erde heizt sich unter den Kronen nicht so auf. Und – nach einigen Jahren – können die Bäume, so wieder nachgepflanzt wird, auch als Brennholz oder für den Hausbau dienen.

Kamerun ist Teil des afrikaweiten Aufforstungsprogramms Great Green Wall. Vor 15 Jahren beschloss die Afrikanische Union das ambitioniertes Projekt: Entlang der Sahelzone sollten 100 Millionen Hektar Land insgesamt renaturiert werden, vom Senegal bis nach Äthiopien, auch als ein wichtiger Beitrag gegen den Klimawandel. Doch einfach ist das nicht.

Schutz vor Trockenheit und vor Überbevölkerung

So erstaunlich es klingt: Die wichtigste Voraussetzung, Wasser ist in Minawao vorhanden, beteuern Campleitung wie auch das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Vom Staussee in Mokolo, einem 30 Kilometer entfernten Ort sorgt eine Pipeline für die Wasserversorgung des Camps. Zahlreiche Brunnen vor Ort können zusätzlich angezapft werden. Die Bewässerung der jungen Bäume hält Campchef Ahounou für gesichert. Pro Tag stehe jedem Bewohner 11 Liter Wasser zur Verfügung, weniger als geplant, aber ausreichend.

Doch: Je größer die Bäume werden, umso schwieriger werde es, sie zu schützen, zu gießen und zu pflegen. Die Flüchtlinge wollen bezahlt werden für anfallende Arbeiten auf den Plantagen. Gärtner Haruna schüttelt mit dem Kopf:

Wir könnten noch viel mehr pflanzen, aber wir tragen die Verantwortung, die Leute, die hier arbeiten auch zu bezahlen. Aber wir dazu fehlt uns das Geld. Und umsonst machen sie es nicht. Sie brauchen diese Motivation.

Rund 4 Prozent der geplanten Fläche wurde aufgeforstet, ein Kampf gegen die Wüste, gegen die Zeit und gegen unverständige Menschen, für die Nachhaltigkeit noch fremd ist.

Die Trockenzeit hat den Hohen Norden Kameruns seit November im Griff. Drei, vier Monate wird sie dauern, bereits nach zwei Monaten sieht hier alles wüstenartig aus.

Trotz Klimawandel, einer Verschiebung der Trocken- und Regenzeiten sowie einer Zunahme der Bevölkerung sei der Great Green Wall eine wichtige Initiative zur Wiederaufforstung der Sahelzone, betont der Bonner Wissenschaftler Alisher Mirzabaev. Er forscht seit Jahren zu Wiederaufforstungsprojekten weltweit:

Der Klimawandel wird natürlich auch Auswirkungen auf dieses Projekt haben. Unsere Studien haben aber gezeigt, dass sich die Sanierung dieser Flächen trotzdem lohnt. Vor allem ist es wichtig zu betonen, dass die Wiederherstellung der Ökosysteme nicht nur zur Bekämpfung des Klimawandels beiträgt, sondern auch den Menschen vor Ort hilft, mit den Auswirkungen und den extremen Wetterbedingungen in der Sahelzone besser umzugehen.

Trotz aller Widerstände: Das Projekt lebt weiter. Anfang des vergangenen Jahres haben verschiedene Geberländer auf dem „One Planet“-Gipfel für Biodiversität fast 15 Milliarden US-Dollar für das Projekt zugesagt.

ENDE