Alternativer Nobelpreis 2021 für Marthe Wandou/Aldepa Kamerun

Alternativer Nobelpreis 2021 für Marthe Wandou/Aldepa Kamerun
Marthe Wandou in Yaoundé

Wenn am 1. Dezember in Stockholm der alternative Nobelpreis verliehen wird, dann gehört zum ersten Mal eine Frau aus Kamerun dazu: Marthe Wandou, Gründerin der Organisation Aldepa (Action Locale pour un Développement Participatif et Autogéré) für die Prävention und Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder, insbesondere gegen Mädchen, sowie für die Betreuung der Überlebenden solcher Gewalt. Seit über zwanzig Jahren betreut Marthe Wandou Betroffene im Hohen Norden Kameruns, in ihrer Heimatregion L’Extrème Nord, die an den Tschad, an Nigeria und die Zentralafrikanische Republik grenzt.

Alternativer Nobelpreis 2021 für Marthe Wandou/Aldepa Kamerun
Eingang zu Aldepa am Rande von Maroua

Der Weg zu Aldepa führt über eine der staubigen Straßen von Maroua, der Hauptstadt des Gebietes Extremer Norden von Kamerun. Das große Gebäude mit den typischen Fenstergittern liegt unter hohen Bäumen. Täglich werden hier Kurse für Mädchen und Frauen angeboten und Projekte für Straßenkinder, gegen Kinderhandel und sexuelle Gewalt entwickelt:

Es ist jetzt genau 23 Jahre her, dass wir Aldepa gegründet haben, 1998. Davor hatte ich bei einer anderen Entwicklungsorganisation gearbeitet, wo ich bereits Kontakt zu Frauen aus den ländlichen Gebieten bekam. Ich selbst stamme auch aus einem Ort in der Region, kenne deshalb die Situation der Frauen sehr gut hier im Hohen Norden Kameruns.

Geboren 1963 wuchs Marthe Wandou in Kaélé nahe der Grenze zum Tschad auf. Umgeben von den den typischen runden Lehmhäuser in der Trockensavanne der Sahelzone.

Verschiedene Volksgruppen bestimmen noch heute die Region, geprägt vom Islam, aber auch vom Animismus, einer Volksreligion, in dem männliche Nachkommen eine besondere Rolle spielen, zum Nachteil von Mädchen und Frauen:

Ich will Religion nicht vorverurteilen, aber wenn Religion als Vorwand genutzt wird für Kinderehe, Gewalt gegen Frauen oder sexuelle Ausbeutung, dann müssen wir genau hinschauen. Denn der Islam zum Beispiel erlaubt eigentlich allen Menschen eine Ausbildung, auch jeder Frau, deshalb können wir es nicht hinnehmen, dass der Koran missbraucht wird, um die Ausbildung für Mädchen einzuschränken oder gar zu verbieten.

Heirat mit 13 Jahren üblich

Viele ihrer Mitschülerinnen in der Grundschule gehörten damals zu den besten in der Klasse, erinnert sich die 58-Jährige heute. Die meisten davon sah sie am Lyzeum nie wieder, das Geld der Eltern reichte nicht für die weiterführende Schule. Die meisten wurden und werden noch heute gleich nach der Grundschule mit 13 Jahren verheiratet, oft in einer Vielehe. Sie selbst, Marthe Wandou, die diesjährige Trägerin des Alternativen Nobelpreises, konnte ein Jura-Studium in der Hauptstadt Yaoundé absolvieren, ging später nach Antwerpen, um dort Gender Studies zu studieren, ihre Töchter leben heute in Deutschland:

Ich habe genau deshalb meine Organisation gegründet, um Kindern generell zu helfen, aber vor allem den jungen Mädchen eine Schulbildung zu ermöglichen und auf die Missstände hinzuweisen, wie die arrangierte Ehe, die Ehe mit 13 Jahren. In unseren Kursen weisen wir auf die Rechte der Frauen hin, auf das recht auf Bildung. Wir geben den Mädchen mehr Selbstbewusstsein, damit sie sich besser durchsetzen können und ihre Rechte kennen.

Alternativer Nobelpreis 2021 für Marthe Wandou/Aldepa Kamerun

Die hochgewachsene Frau ist spätestens seit der Zuerkennung des diesjährige Alternativen Nobelpreises eine Autorität in Maroua, auch für die Regionalregierung. Andere Frauen haben sich dem Vorbild angeschlossen und eigene Organisationen zur Unterstützung von Mädchen und Frauen gegründet. Im vergangenen Jahr wurde ein Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau und zur Chancengleichheit in Kamerun verabschiedet. Das beinhaltete auch die Ausstellung einer Geburtsurkunde, eines Ausweises.

In der Realität ist das noch nicht angekommen, gerade die Geburtsurkunden fehlen oft, aber für Marthe Wandou dennoch ein Zeichen, dass sie mit ihrer Organisation und Engagement auf dem richtigen Weg ist.

Wir sind wirklich auf einem guten Weg, aber die Krise mit Boko Haram stellt uns seit einigen Jahren vor neue Herausforderungen. Sie entführen die Mädchen, fordern Lösegeld, die Mädchen und Frauen leben oft traumatisiert, weil ihre Ehemänner einfach verschwinden oder getötet werden und die Frauen den Terroristen als Sexsklaven dienen müssen. Die Frauen wissen oft nicht, wie sie eine Familie führen können, da es immer Sache der Männer war, deshalb fühlen sie sich oft verloren.

Die Reise nach Stockholm zur Verleihung des Alternativen Nobelpreises hat die Arbeit ihrer Organisation weltweit bekannt gemacht, sagt Marthe Wandou stolz. Der Preis bedeutet für die Frauen und Mädchen in Maroua und in ganz Nordkamerun eine wichtige Bestätigung ihrer Arbeit.

ENDE

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