Zwangsarbeiterlager als Wohn- und Arbeitsort. Der künftige Umgang mit Erinnerungskultur

Das System der Konzentrationslager in Europa umfasste in der Zeit zwischen 1936 und 1945 insgesamt 24 Hauptlager und über 1.000 Außenlager.

In und um München herum existierten 400 Zwangsarbeiterlager, andere Quellen reden sogar von 550, nur ein einziges ist bis heute fast vollständig erhalten. Anders als bei dem ebenfalls noch erhaltenen Zwangsarbeiterlager Berlin-Schöneweide wohnen und arbeiten in den Lagerbaracken von Neuaubing Künstlerinnen und Künstler, eines der Gebäude wird als Kita, ein anderes vom städtischen Sozialamt als Jugendfarm genutzt.

Mischnutzung, Gedenkort, Spekulationsobjekt? Erinnerungskultur der Zukunft.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/erinnerungskultur-in-bayern-ehemaliges-zwangsarbeiterlager.976.de.html?dram:article_id=492931

Das ist sehr wahrscheinlich die Frauenbaracke gewesen. Sehen Sie hier einfach an der Bodenbeschaffenheit, dass dieser Raum drei kleine Räume waren. Also hier war Mauer und der nächste Raum dann quasi bis hier.

Susanne Musfeldt-Gohm deutet auf den Boden, scharf zeichnen sich Spuren früherer Mauern ab.

Was heute ein geräumiges, gemütliches Zimmer für ein Künstlerduo ist, waren einmal drei getrennte Räume. Sie müssen winzig gewesen sein, vielleicht 15 Quadratmeter. Jedes einzelne voll gestellt mit Doppelstockbetten für mindestens acht bis zehn Zwangsarbeiterinnen. Nur in einem Zimmer stand ein kleiner Eisenofen. Eine typische Baracke, wie sie deutschlandweit in Zwangsarbeiter- und Konzentrationslagern standen:

Ich finde immer, wenn man da so durch die Tür geht, denke ich so, puh, ja, das war so damals… Und die Fensterläden waren alle nur von außen zu schließen und zu verriegeln…

Als ich so eingezogen bin, da macht man so kleine Ich-nehme-den-Raum-in-Besitz-Sachen, wie zum Beispiel – Fensterputzen. Und als ich so diese Fenster geputzt habe, da habe ich so einen kleinen Flashback gehabt, und habe gedacht: Mein Gott, wer hier schon alles durchgeschaut hat zu der damaligen Zeit.

Das Gelände gehörte im Dritten Reich der Reichsbahn, die die Zwangsarbeiter jeden Tag zu Fuß ins zwei Kilometer entfernte Reichsbahn- Ausbesserungswerk RAW treiben ließ. Nach dem Krieg kümmerte sich die Deutsche Bahn fast gar nicht um die 20.000 Quadratmeter großen Anlage, bis sie 2014 verkauft wurde. Kurzzeitig war es Lehrlingsheim, auch mal Schrottplatz, in ein Gebäude zog ein Kindergarten ein. Was genau hier ablief, daran erinnert sich noch eine Zeitzeugin –

Anna Wladimirowna Lipstowa. Als 13-Jährige wurde sie 1944 gemeinsam mit ihrer Mutter und zwei Schwestern nach München verschleppt.

Zitat: Ich erinnere mich …daran, wie wir dort lagen. Dann begannen sie… uns zur Arbeit zu bringen. Sie haben alle diese Minderjährigen versammelt … und … die Patrouillen führten uns zu diesem … entweder war es ein Werk oder irgendeine Werkstatt oder so etwas. Ich weiß es nicht. Aber wir haben dort etwas angefertigt … Man gab uns solche … langen Streifen aus Eisen … Dort war eine Werkbank. Und wir mussten an dieser Werkbank … diesen Draht zerschneiden.

In der alten Lagerküche hat heute Steinmetz Peter Heesch seine Werkstatt. Holzfußboden, gemauerte Wände, hohe Decken – alles original, nur ein Ofen ist dazu gekommen:

Es ist nicht unangenehm, nein, es ist nicht unangenehm. Ich würde sagen, es schärft das Bewusstsein. Auch in den anderen Baracken. Es schärft das Bewusstsein, dass es so was gibt, dass es so was gab, und… ich meine – Zwangsarbeit gibt es heute noch, auf der ganzen Welt, wo Menschen unfreiwillig arbeiten müssen.

Jetzt soll hier ein Gedenkort entstehen Gleichzeitig sollen aber die Werkstätten bleiben, auch der Baracken-Kindergarten und eine kleine Tierfarm des städtischen Sozialamtes.

Seit 2011 beschlossen wurde, das ehemalige Zwangsarbeiterlager zu sichern, wird im Rathaus immer wieder über das Projekt gesprochen. Eine Baracke wurde saniert. Eine App ist in Arbeit. Die geplante Ausstellung wird wohl erst 2024 eröffnet – voraussichtlich, sagt Projektleiter Paul-Moritz Rabe vom NS-Dokuzentrum München. Fast 80 Jahre nach Befreiung des Lagers durch Amerikaner. Zeitzeugen gibt es fast keine mehr. Warum dauert das so lange?

Gute Frage. Das hängt viel mit öffentlichen Verwaltungsprozessen zusammen, aber auch damit, dass das Gelände am Anfang noch gar nicht im Besitz der Stadt München war. Ein anderer hing auch damit zusammen, dass das NS-Dokumentationszentrum selbst erst 2015 gebaut wurde.

In direkter Nachbarschaft des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers entsteht derzeit das größte Neubauprojekt Münchens mit 20 000 Wohneinheiten. Das Leben geht weiter.

In welcher Form passt dann noch ein Gedenkort hierher? Historiker Rabe:

Es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie dieser Ort sein soll in Zukunft, und darin liegt auch durchaus eine Spannung. Es gibt die Meinungen, die eher sagen, es muss das Lager wieder deutlich sichtbar erkennbar werden als ein solches, dass man dann auch architektonisch sofort sehen kann, wenn man den Ort betritt. Dann gibt es auch solche, die sagen: Gerade das Besondere ist der zweite Blick, dass man die gegenwärtige Nutzung nicht verdrängt durch die Vergangenheit. Wir streben irgendwas dazwischen an.

Eine vage Aussage.

Klar ist: Bei allen Gedenkstätten Deutschlands sei man sich einig, so der Chef der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Karl Freller, dass Teile oder Gebäude von Opferorten wie Buchenwald, Dachau oder eben Neuaubing nicht rekonstruiert werden sollen. Man werde kein Disneyland zulassen, betont Freller. Künftig werde eben mit Videos von Zeitzeugen, Originalaufnahmen, VR-Technik und Smartphoneapplikationen gearbeitet.

Denn: Rekonstruktionen könnten bei der rechten Szene und all denen, die für die Gräueltaten der Nazis sensibilisiert werden sollen, als Nach- und damit Fake-Bauten belächelt werden und gerade das Gegenteil bewirken.

Ich will nichts überemotionalisieren. Also keine Gefühlsduselei oder so was, aber was es braucht ist ein emotionaler Zugang, wenn ich Verhalten ändern will. Also nur mit kognitivem Wissen mögen sich einige wenige Köpfe sich dadurch anders verhalten. Es heißt ja erinnern, dass man nicht nur forscht oder wiedergibt, sondern auch aus Empathie zu den Opfern sich anders verhält und dazu brauche ich mehr als nur Geschichtswissen.

Im Zuge des benachbarten Neubauprojekts Freiham für rund 50 000 Menschen wird künftig ein öffentlicher Weg quer durch das Lager führen. Kinder, Hunde, Jogger laufen über das Gelände.

Für Bildhauer Peter Heesch eher eine Chance:

Also was das Spannende an dem Gelände und an dem Arbeiten hier ist, wenn Menschen kommen, die kommen, weil sie hier spazieren gehen, weil sie einen Schreiner suchen, weil sie eine Kunstausstellungen sehen wollen, die kommen nicht her, weil sie einen Gedenkort oder Erinnerungsort besuchen, aber kommen dann durch das Hintertürchen auf die Geschichte. Hier haben wir die Chance, dass wir andere Menschen erreichen, die zufällig vorbeikommen … Die, die sich mit der Geschichte nicht beschäftigen wollen und hier zufällig vorbeikommen, dann stolpern sie über die Geschichte und dann ist das eine Möglichkeit andere Menschen damit zu erreichen, als wie mit einem klassischen Museum oder einer ganz klassischen Gedenkstätte.

Die soll es in Neuaubing nicht geben, angestrebt wird eine Mischnutzung des ehemaligen Lagergeländes, mit Wohn- und Gewerbestätten und einem Gedenkort, der an die Gräuel der Nazizeit erinnert. Wie das genau aussehen soll, ist noch unklar, das soll jetzt eine Ideenwettbewerb zeigen.

ENDE