Ein Hamburger Jung am Starnberger See.

Zum 130. Geburtstag von Hans Albers

Wohl wenige Künstler verbindet man derart mit der Hansestadt Hamburg wie Hans Albers. Am 22. September 1891 wurde der blonde Hans in Hamburg geboren. Gestorben ist er aber in Bayern, am Starnberger See 1960. Dort hatte er sich 1933 ein Haus direkt am See gekauft. Das Haus steht heute immer noch. Seine Lebensgefährtin hatte das Grundstück dem Freistaat Bayern 1971 vermacht mit der Auflage, es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch das ist gar nicht so einfach.

Sonntagsspaziergang Deutschlandfunk 26.9.2021

Es weht der Wind von Norden, er weht uns hin und her, was ist aus uns geworden, ein Häufchen Sand am Meer...

Blauer Himmel, blauer See. Die Schiffe der Bayerischen Seenschiffahrt ziehen von Starnberg Richtung Tutzing oder ganz an den untersten Zipfel, nach Seeshaupt. Kurz bevor der Dampfer am Steg vorm alten Tutzinger Schloss festmacht, fährt er an einem Reet gedeckten Bootshaus vorbei. Früher in den 30er Jahren war es das teuerste Bootshaus am See. Das Reet wurde aus der Nähe von Hamburg extra an den Starnberger See gefahren.

Norddeutsches Schilf auf bayerischer Hütte. Auf diese Idee konnte wohl nur Deutschlands damals bekanntester Schauspieler Hans Albers kommen. Eigens eingetroffene Hamburger Handwerker sorgten für ein original norddeutsches Reetdach. Das Grundstück hatte er 1933 gekauft, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Hamburg, Berlin, dort wurde es dem Schauspieler zu ungemütlich. Hier am Starnberger See schien die Welt noch in Ordnung, oberflächlich gesehen, die Schiffe spielten regelmäßig beim Vorbeifahren sein berühmtestes Lied “La Paloma, ohe”:

Also es ist gutbürgerlich und rustikal eher, es ist auch nicht in dem Sinne eine Villa wie die Kustermann-Villa oder die Zitzmann-Villa. Man muss sagen, das ist 1865 gebaut, das ist so ein ganz feudaler Eingang, so hoch und noch ein Windfang vorneweg mit einem kleinen Dächlein.

Wir sind mit Gabriella Meros verabredet. Die Leiterin des Vereins “Respect & Remember Europe” kennt die Albers-Villa seit vielen Jahren. Sie hatte die Gelegenheit, das Haus, das heute hinter einem Zaun und vielen Büschen versteckt liegt, zu besuchen.

Fotos zeigen den blonden Hans mit seiner Lebensgefährtin Hansi Burg strahlend aus einem Fenster schauend. Auf einem anderen sitzt Albers entspannt Pfeife rauchend neben seinen Rosen auf der großen Freitreppe:

Die sieht man nicht mehr, das ist wie ein Hügel. Wir wollen die Freitreppe natürlich wieder freilegen. Davor war die Terrasse und die vielen Blumen, er war ja ein Rosenzüchter, hat über 100 Rosen gezüchtet an der Treppe entlang. Und unten hat man den freien Blick über den See und zu dem wunderschönen Bootshaus. Und das ist alles verwachsen jetzt.

In dem kleinen Örtchen Garatshausen, das direkt an Tutzing angrenzt, fand der Sänger und Volksschauspieler ein Refugium, das ihm viel bedeutete – und von dem heute nicht mehr viel zu sehen ist. Ein Zugang zu dem riesigen parkähnlichen Gelände von gut 27 000 Quadratmetern Größe wird vom Freistaat Bayern, dem Eigentümer, verweigert. 1971 wurde das Grundstück an den Freistaat Bayern verkauft mit der Auflage “es für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen”. Passiert ist nicht viel.

Seitdem war nur der Fischereiverband des Landwirtschaftsministeriums im Haus.

Die Albers Villa im Dornröschenschlaf. Im wahrsten Sinne.

Gleich nebenan wohnt Herbert Reich, genannt Bibi. Ein Foto zeigt den rüstigen Senior als kleinen Jungen auf dem Arm des großgewachsenen Hans Albers im elterlichen Garten. Sein Vater half dem berühmten Nachbarn, wie man eben Nachbarn hilft. Sein Eindruck heute:

Eigentlich sehr leutselig, hamburgisch, er sprach mit Hamburger Akzent, er trug immer Hut, weil er eine Glatze hatte, in der Öffentlichkeit aber immer ein Toupet. Nachträglich kann ich nur sagen hat er bei mir erheblich gewonnen, nachdem mir klar wurde, dass er kein Nazi war. Mein Vater und er haben sich gut verstanden, weil beide keine Nazis waren, was sehr selten war.

Man sieht hier, er trug ja auch Lederhosen, hat sich also bajuwarisiert !

Ja, ja, er trug immer irgendwelche bayerischen Verkleidungen, wenn er hier war, und er war viel hier.

Der Nachbarsjunge Bibi kümmerte sich als Jugendlicher um das Segelboot, das auch ein Hans Albers anschaffte. Obwohl er überhaupt nicht segeln konnte, auch sein Chauffeur nicht, der mit ihm auf Bootstour zwischen Roseninsel, Possenhofen und Tutzing ging. Der Hamburger Jung ein kompletter Laie auf dem Wasser:

Er konnte nicht segeln, überhaupt nicht.

Und warum hat er dann das Segelboot gehabt?

Naja, er trat an zum Segeln wie ein Admiral, mit weißer Mütze, weißem Hemd, weißer Hose, also ganz nobel. Und sein Chauffeur konnte auch nicht segeln, aber er musste ja alles machen. Er kam dann eines Tages mal zu mir, als ich so 13, 14 war, und sagte: Du musst mir jetzt mal Segelunterricht geben. Der kann nix, ich auch nicht, aber ich muss alles machen und das geht immer alles schief. Dann haben wir zwei Stunden mit Albers Boot geübt, da war er nicht da, und dann ging es viel besser.

Besonders beeindruckt ist der weißhaarige Nachbarsjunge heute von dem Umgang des Hauptdarstellers in Filmen wie Unter heißem Himmel, Große Freiheit Nr. 7 oder Münchhausen mit den Nationalsozialisten. Vom Starnberger See aus fuhr er zu Dreharbeiten nach Berlin und Hamburg. Zwischen 1933 und 1945 drehte er 20 Filme ab. Dass seine Lebensgefährtin Hansi Burg, die er bereits Anfang der 20er Jahre kennenlernte eine Jüdin war, schien keinen Einfluss drauf zu haben, 1939 verließ die junge Frau trotzdem Deutschland Richtung England.

Seine Verachtung gegenüber den Nazis zeigte Hans Albers in dem er ihnen nie die Hand gab. An seinem Steg prangte das bayerische Wappen mit der blau-weißen Raute. Was zwar nur vom Wohnhaus aus zu sehen war, da das Zeigen des bayerischen Wappens im Dritten Reich verboten war, aber sobald ein bekannter Ortsnazi über den See fuhr, drehte sich Albers zum Wappen um, so die Legende.

Die Albers Villa im Dornröschenschlaf. Dass seit jetzt genau 50 Jahren der Freistaat Bayern kein ordentliches Nutzungskonzept für den großen Garten und das leerstehende Haus vorzeigen kann, ärgert Gabriella Meros vom Verein “Respect & Remember Europe” enorm. Vieles wurde schon diskutiert. Sie will die Liebesgeschichte zwischen dem gefeierten Schauspieler und der Jüdin Burg in den Mittelpunkt eines neuen Konzeptes stellen:

Also wir haben uns überlegt: Das ist ein Erinnerungsort, weil da die ganze Geschichte passiert ist. Diese Geschichte ist natürlich frappierend und es ist sehr toll, dass es an diesem Ort passiert ist. Der Starnberger See war eine der ersten Bastionen, die Hitler erobert hat und hier ist bislang noch wenig passiert, aber man merkt von den Leuten her, dass sie das gern aufarbeiten möchten. Das soll also ein Zentrum gewissermaßen werden.

Im Rathaus von Feldafing atmet Bürgermeister Sontheim hörbar ein, wenn man ihn nach Hans Albers und der Albers-Villa fragt. Kürzlich wurde das Haus der dem Bayerischen Wissenschaftsministerium übertragen, die es wiederum der Technischen Universität München überlassen will für deren “Junge Akademie”. Ob so das Grundstück öffentlich zugänglich sein kann, wie es im Testament gefordert wird?:

Also erst einmal, gehen wir mal einen Schritt zurück: Wir versuchen, seit ich Bürgermeister bin und das ist seit 2002, wird versucht, für die Albers-Villa eine neue Nutzung zu finden. wir haben immer darauf bestanden, dass, wenn eine neue Nutzung reinkommt, hier das Grundstück für die Öffentlichkeit erlebbar gemacht wird, also dass der Freistaat endlich der Auflage aus der Kaufurkunde nachkommt. Es hat sich seitdem kaum einer für die Albers-Villa interessiert, wir haben versucht, mit dem Freistaat eine Lösung zu finden… da haben wir uns überlegt, dass eine Gastronomie mit Hotellerie sinnvoll wäre, das muss man ja auch unter wirtschaftlichen Aspekten betrachten, allerdings hat sich dann dieses Konzept zerschlagen.

Vieles wurde seitdem diskutiert: Ein Umbau bis hin zum Abriss des Gebäudes und Neubau eines Hotels. Sontheim merkt man den zähen Kampf an, die jahrelange Diskussion um eines der wenigen Grundstücke am Starnberger See, die eigentlich seit Jahrzehnten, laut der jüdischen Besitzerin Hansi Burg, für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollten:

Ich habe eigentlich immer versucht, die Albers-Villa unter Denkmalschutz stellen zu lassen, das ist bestimmt schon zwölf, fünfzehn Jahre her, da sind die Sturmblockhäuser unter Denkmalschutz gestellt worden. Da waren wir als Gemeinde massiv dagegen, weil wir nicht verstanden haben, warum Naziarchitektur denkmalgeschützt werden soll …

2017 gelang es dem ortsansässigen Kulturverein, trotz dieser Aussage, das Haus unter Denkmalschutz stellen zu lassen, der Abriss wurde verhindert.

Heute heißt es offiziell vom Denkmalschutz in München: Die Villa sei “ein seltenes und qualitätvolles Beispiel für die Fortschreibung der Villenkultur am Starnberger See”. Die “Umwandlung eines klassizistischen Landhauses in eine repräsentative Villenanlage in Formen des barockisierenden Heimatstils” würde zwar der Formensprache während der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts entsprechen. Die Denkmalschützer gehen sogar soweit zu vermuten, dass das Haus der Camouflage, also als Tarnung, diente.

Wie auch immer: Für Hans Albers war dieses Haus ein Refugium, dass er bis zuletzt, bis 1960 bewohnte, bis zu dem Bühnenunfall in Wien und dem nachfolgenden Krankenhausaufenthalt in Berg am Starnberger See, von wo er nicht mehr zurückkehrte.

Bibi Reich steht jetzt vor der Einfahrt zum Grundstück von Hans Albers.

Im April 1945 kam ein amerikanischer Jeep vorgefahren, der Junge war begeistert. Die jüdische Lebensgefährtin von Hans Albers kehrte aus England zurück, in Uniform und sehr selbstbewusst, daran kann sich der Nachbar noch gut erinnern. Die andere Frau, die die aus dem Exil heimkehrende Hansi Burg im Haus vorfand, verschwand sehr schnell, danach gönnte sich der blonde Hans nur noch heimlich im Bootshaus die eine oder andere Liebschaft:

Ich kann mich erinnern, sehr intensiv sogar, als Hansi Burg noch vor dem offiziellen Kriegsende, da fuhr ein Jeep da drüben rein in der Albers-Einfahrt, denn der Fahrer war ein amerikanischer Soldat und daneben in olivfarbener Uniform Hans Burg und hinter den beiden, in diesem kleinen Ami-Jeep, saß ein Soldat mit einem Maschinengewehr. tags darauf hat sie fünf Minuten der damaligen Geliebten von Albers gegeben, zu verschwinden und – sie blieb. Sie zog ihre Uniformjacke aus und blieb.

Wie es weitergeht mit der Hans-Albers-Villa? Noch wird verhandelt, wer, wann wie genau die Villa nutzen kann und soll. Für die Öffentlichkeit soll sie zugänglich sein. Was genau Öffentlichkeit bedeutet, darin sind sich der Freistaat, der jüdische Verein und die Technische Uni München uneinig.

ENDE