The Holyrood Building – Zum Neubau des Schottischen Parlamentsgebäudes

Zeichen des Autonomiebestrebens – Zu Besuch in Schottlands Prestigebau

Am 1. Juli 1999 wurde in Schottland kräftig gefeiert. Tony Blair hatte sein Wahlversprechen von 1997 gehalten und den gut 5 Millionen Schotten, die nur allzu gern ihre Autonomie von den Low-Lowlandern, den Briten betonen, eine eigene Landesregierung gegeben. Ihre altes Parlament war 1707, fast 300 Jahre zuvor bei der Zwangsvereinigung von Schottland und England aufgelöst worden. Die vorerst provisorisch untergebrachten frischgewählten 129 MSPs, die Members of Scottish Parliament, konnten sich seitdem auf ein neues Parlamentsgebäude freuen, das aus 70 Entwürfen ein Jahr zuvor bereits ausgewählt worden war.

Architekt Miralles bekannt aus Leipzig, Venedig, Barcelona

Sieger wurde der spanische Architekt Enric Miralles, der mit spektakulären Bauten für die Olympiade von Barcelona berühmt wurde, aber auch in Dresden die Universität umbaute, in Venedig den Friedhof San Michele erweiterte und die Architekturschule schuf, in Chemnitz und Leipzig für das örtliche Stadion verantwortlich war, ebenso für die japanische Nationalbibliothek, für Hafenanlagen in Thessaloniki und für die staatliche Jugendmusikschule am Hamburger Rothenbaum.

2001 sollte der spektakuläre Bau des Spaniers in der Nähe des Holyrood Parks am Rande von Schottlands Hauptstadt Edinburgh fertig sein, doch erst jetzt, Anfang Oktober 2004 ist es soweit: Queen Elizabeth II. wird nach 6 Jahren Bauzeit am 9. Oktober das neue schottische Parlamentsgebäude persönlich einweihen.

Rundgang im Holyrood-Building

Der schottische Chefarchitekt Gordon McGregor holt zum weiten Bogen aus, wenn es um „sein“ Haus geht: Der neue Bau auf einem ehemaligen Brauereigelände am Rande der Stadt soll künftig ganz Schottland repräsentieren – das üppige Grün der Hills vor der Atlantikküste, die schwierige Geschichte unter britischer Oberhoheit, die schottischen Traditionen seines Landes, samt der einstmals verbotenen Landessprache Gälisch.

Mit überbordendem Selbstbewusstsein wird dies demonstriert – voll kindlichem Stolz in direkter Nachbarschaft zum offiziellen schottischen Sitz der britischen Königin. Und ganz nebenbei besetzte man damit auch das geschichtsträchtige Gelände am Ende der Royal Mile, wo sich die Dramen um Mary Stuart, die letzte schottische Königin, abgespielt haben sollen.

Symbolischer Grundstein des Parlamentsgebäudes ist das Queenbury House aus dem verhängnisvollen 17. Jahrhundert der schottischen Niederlage. Der Weg, den die schottischen Abgeordneten in Zukunft jeden Tag ins Büro gehen, verläuft durch das aufwändig restaurierte Gebäude. Wo es gelang, wurde das alte Mauerwerk freigelegt, um einen harten Kontrast zum futuristischen Neubau herzustellen, der vor allem aus vier Grundmaterialien besteht: aus schottischem Granit mit Intarsien aus schottischer Eiche, tief geschwungenen Glasdächern und nackten Betonwänden – das wirkt auf den ersten Blick befremdlich, soll es auch. Denn Enric Miralles, der spanische Architekt, dessen kompliziertem Entwurf drei Viertel der Abgeordneten 1998 zugestimmt hatten und die heute lieber ein einfacheres Domizil hätten, wollte damit die Geschichte Schottlands darstellen. Gebrochen, sich aufbäumend, visionär:

Die Struktur der Altstadt besteht aus den Hauptstrassen mit spitzwinklig abgehenden Gassen, Höfen, Sackgassen und diese alte Struktur soll in dem Gebäude für die Abgeordneten widergespiegelt und gleichzeitig abgeschlossen werden , denn danach in Richtung der Hügel wird das Gebäude in seiner geometrischen Form aufgebrochen, baut eine Beziehung zur Landschaft hin auf, wird niedriger.

Die niedrigeren tropfenförmigen Versammlungsgebäude liegen – metaphernhaft geschützt vom öffentlichen Besucherbereich und dem halbrunden Medienturm – in Richtung der eindrucksvollen Naturkulisse des rostroten Felssturzes der Salisbury Crags. Wenn in wenigen Tagen die Aussenarbeiten fertig sind, soll das Grün sogar in die zwei Eingangshallen hineinkriechen.

Kein Wunder, dass der hohe symbolische Anspruch des architektonischen Designwunders zum Spotten anregt:

Die hier nennen wir die Hühnerfenster. Sie sehen von aussen aus wie Hühner mit geöffnetem Schnabel, sind aber eigentlich Erkerfenster. Das Design stammt noch von Enric. Er meinte, es wäre ein guter Platz, wohin sich die MSPs zurückziehen könnten, in einen kleinen Privatraum mit Blick auf die Altstadt und die Landschaft, hinaus in die Wolken.

Dass bei der Entscheidung für den extravaganten Bau die Kosten exhorbitant in die Höhe schossen, beschäftigt die Schotten und einen Untersuchungsausschuss heute mehr als das eigentliche Gebäude. Mit 431Mill. Pfund inklusive 100 Mill. für die neuesten Sicherheitsstandarts liegen die Kosten 10 mal höher als geplant. Damit hat Schottland nicht nur das – von zahlreichen Staatsdelegationen besuchte – modernste Parlamentsgebäude, sondern auch das teuerste weltweit. Böse Zungen sprechen davon, dass der Bau zu einem Mausoleum für den vor 4 Jahren plötzlich verstorbenen spanischen Architekten Miralles, den Maximalisten und „Unruhestifter unter Barcelonas Architekten”, verkommen sei.

Architekt Gordon McGregor winkt nur ab:

Also, das mit den Kosten ist sehr kompliziert. Derzeit bereitet Lord Fraser einen Untersuchungsbericht darüber vor, nein es it nicht einfach zu beantworten. Das Gebäude selbst ist bereits sehr kompliziert. Denken Sie nur an die vielen unterschiedlichen Verträge für die einzelnen Gebäudeabschnitte, dann die Preissteigerungen in 6 Jahren, Probleme bei der Umsetzung der Designwände und Dächer und tausend andere Faktoren. Das Hauptproblem war unserer Meinung nach, dass man zu Beginn den offiziellen Kostenvoranschlag einfach zu niedrig angesetzt hat, so dass die jetzigen Kosten einfach darüber liegen mussten.

Bei aller Kritik – das schottische Parlamentsgebäude ist ein Meisterwerk der Anspielungen. Ein Bau, der nicht nur mehrfach interpretiert werden kann, sondern auch die Schwierigkeiten von Demokratie baulich darstellt.

Und so anmassend der neue Landtag aus der Nähe betrachtet erscheint so unscheinbar fügt er sich in das Stadtbild.

Wenn in einigen Jahren das Eichenholz typisch grau verwittert sein wird, dann nimmt das Gebäude langsam auch die Farben der angrenzenden Altstadthäuser an.

ENDE