Die neue Elmau. Umstrittenes Konzept für das Almschloss

Mostly Brahms-Musikwoche als Auftakt des neuen Programms (Bericht SWR 2, 4.6.1999)

Das Schloß Elmau, zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald, ist bereits seit Ende der 20er Jahre dieses Jahrhunderts bekannt für seine Musikkonzerte, ist Treffpunkt für die berühmtesten Künstler unserer Zeit gewesen, wie z.B. Yehudi Menuhin, Vicco von Bülow oder Hilde Domin.

Seit neuestem kann man aber auch noch ganz andere Töne von Elmau hören – Jazz-Festivals haben das frühere Programm bereichert, Symposien zu historischen und politischen Fragen sollen folgen Mit der neuen Leitung der Müller Elmau GmbH vollzieht sich ein Wandel im Image dieses traditionellen Musikzentrums, der zwiespältige Reaktionen hervorruft. Im Gespräch mit dem Geschäftsführer Dietmar Müller-Elmau.

Das selten gespielte Oktett von Felix Mendelssohn-Bartholdy mit dem Auryn- und Henschel-Quartett bildete den fulminanten Abschluß der diesjährigen Frühjahrskammermusikwoche, eine der jährlichen Musikwochen, für die das Schloß Elmau seit 1927 gerühmt wird.

In der Abgeschiedenheit am Ende einer Mautstraße, 6 Kilometer entfernt vom nächsten Bahnhof hat sich hier über die Jahre eine Atmosphäre entwickelt, die man familiär nennen könnte. Die wenigsten Besucher sind Tagesgäste. Dazu ist die Vorfreude auf ein Frühstück mit Blick auf die steil aufragende Wettersteinwand für Großstädter zu verlockend.

Die neue Elmau. Umstrittenes Konzept für das Almschloss

Auf der Elmau, wie man hier sagt, ist es nur für Außenstehende ungewöhnlich, wenn die Hausgäste zum Abendkonzert mit Hausschuhen kommen und sich nach der Pause ins Bett begeben. Schließlich war bereits die ganze Woche ausgefüllt mit mindestens zwei Konzerten am Tag, da zieht sich selbst der eifrigste Bildungsbürger irgendwann auf sein Zimmer zurück.

Und all dies sollte nun verändert werden? Die Atmosphäre, die überschwenglich schon mit Thomas Manns Zauberberg” verglichen wurde, soll dem Zeitgeist angepasst werden?

Nein, Elmau hat noch immer etwas von einer Jugendherberge…

Dietmar Müller-Elmau ist seit 2 Jahren der Geschäftsführer und Herr auf der Elmau. Der 45jährige ist der absolute Gegensatz zur herkömmlichen Vorstellung von einem Schloßherren und Verwalter von 150 Gästezimmern, 2 Konzertsälen und diversen anderen Räumlichkeiten. Sein Faible für indische Musik z.B. rührt von einem einjährigen Aufenthalt in Indien her, für den er sich 1981 nach seinem Studium an der amerikanischen Cornell University entschied.

Zu der Begeisterung für indische Musik kommt die Neigung für Jazz- und Rockmusik…alles Musikrichtungen, die viele der früheren Besucher ablehnen. O-Ton: Ich möchte diese Ruhe nutzen zur Unruhe…wie wecken wir das Interesse beim jungen Publikum für diese Fragen. (9) 0’33 Die Ideen und Pläne Müller-Elmaus sind für den Geist von Elmau geradezu ketzerisch.

Als Enkel des Gründers und Theologen Johannes Müller sind seine Konzepte ein Affront gegenüber dem Vorfahren und dessen antroposophisch-philosophischer Denkweise im Geist von Harnack und Kierkegaard. Johannes Müller war einer der bekanntesten Vortragsreisenden seiner Zeit. Seine Maxime von der neuen Unmittelbarkeit”, die die Wirklichkeit im Augenblick manifestierte, prägte bis zu seinem Tod 1949 ganze Generationen von Hausgästen.

Hier hatte man Ruhe vor der Außenwelt. Daß die Politik ganz bewußt aus den Diskussionen ausgeklammert wurde, war selbstverständlich und viele Künstler dankten ihm das nach dem 2. Weltkrieg. Yehudi Menuhin war einer von ihnen.

Ein Kernpunkt im neuen Konzept von Müller-Elmau sind die Symposien zur Politik und Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Hinwendung zu aktuellen Fragen der Globalisierung, die scheinbar Ursache für eine neue Fremdenfeindlichkeit ist, dann die Beschäftigung mit der Philosophie nach Heidegger”, immer mit dem Fixpunkt Holocaust” im Hinterkopf – das sind Themen, an die sich die Wissenschaft bisher nur zögernd heranwagt.

Der Trumpf Müller-Elmaus gegenüber den geladenen Wissenschaftlern wird neben der alpinen Natur die Klausuratmosphäre des Gebäudes sein. So werden sich die oftmals kontrovers forschenden Gelehrten bei einem mehrtägigen Aufenthalt dem Diskurs mit den Kollegen nicht so einfach entziehen können. Der schwerblütige Charme des Hauses, die familiäre Atmosphäre, die mit der selbstverständlichen Einladung an Frau und Kinder geradezu forciert wird, lassen ein Forum entstehen, auf dessen Ergebnis man gespannt sein darf. Besonders Wagnerianer wird das Symposium zu Wagner im Dritten Reich” interessieren…ein schwieriges Kapitel mit Fortsetzung.

Es gab bereits früher in den Räumen des Schlosses von Elmau Tagungen, Diskussionsforen und Vorträge, doch das angestrebte Niveau auf den geplanten Veranstaltungen mit Gästen wie Hans Mommsen, Saul Friedländer, Zygmund Baumann oder Jürgen Moltmann soll den Namen Elmau auch in der Welt der Historiker als ernstzunehmendes Forum etablieren, ähnlich wie es Müller-Elmau durch seine neuen Jazzfestivals bereits in der internationalen Jazzszene geschafft hat, übrigens ohne Probleme von seinem Stammpublikum angenommen, zur Verwunderung der Geschäftsleitung.

Es gibt etliche Leute, die aufgrund des neuen Konzeptes für die Elmau nicht mehr wiederkommen. Dagegen kommen neue, jüngere Leute, deren Interesse nicht mehr bei den traditionellen Tanzabenden liegt, sondern – und dafür ist Dietmar Müller-Elmau ein gutes Beispiel – moderne, klassische Musik hören wollen und Jazz. Mit der Ruhe und meditativen Besinnung ist es dann wohl vorbei, aber war nicht das Motto von Elmau Wir brauchen eine neue Unmittelbarkeit”?

Zumindest den Musikwochen kann man eine gewisse Unmittelbarkeit nicht absprechen. Improvisieren, diskutieren, ausprobieren…das sind die Schlagworte voller Elan, die zukünftig die künstlerische Arbeit am Wetterstein bestimmen sollen, wenn es nach Dietmar Müller-Elmau geht.