Die englischen Comödianten des Herzogs Philipp Julius von Pommern-Wolgast in der Schloßkirche zu Loitz Anfang des 17. Jahrhunderts

Die kleine Stadt Loitz war nicht immer so unbedeutend für Vorpommern wie heute. Unter Philipp Julius von Pommern-Wolgast, dem letzten seines Geschlechts, blühte das kulturelle Leben am Hof von Wolgast und auch im Schloß von Loitz, dem zweiten Sitz des Fürsten. Bei den Hoffesten ging es dort hoch her, ähnlich wie an anderen deutschen Fürstenhäusern und oft zum Ärger der kleinen Leute. (NDR 1 Schwerin Kunstkaten, 25.04.99)

Musik: Anonym (1606): “The second witches dances” (The Camerata of London)

Es ist ein Sommer wie viele im Jahre 1606. Die Herzoginwitwe Sophia Hedwig von Braunschweig, eine geborene Welfin, hat einmal wieder den gesamten fürstlichen Stamm des Hauses Pommern zu sich ins Loitzer Schloß geladen. Die als prunksüchtig und verschwenderisch geltende Mutter des jungen Fürsten Philipp Julius geizt nicht mit Musik und Tanz.

Gemeinsam mit ihren Gästen ist sie entzückt über die Komödien der englischen Schauspieler, die sich ihr Sohn Philipp Julius an den Hof geholt hat. Während seiner Europareise von 1601 bis 1603 hatte er in London bei Königin Elisabeth das Hoftheater kennengelernt und Gefallen daran gefunden.
Nur einer ist maßlos entrüstet:

Zitat: Durchleutiger Hochgeborener Fürst, Gnädiger Fürst und Herr, Ihre fürstlichen Gnaden kann ich in Untertänigkeit klagend zu vermelden nicht umgehen, daß die von eurer fürstlichen Gnaden bestellten Comödianten sich haben gelüsten lassen, gestrigen Tags in die fürstliche Schloßkirchen allhie zu Liotz zu mausen und daselbst einen Markt und Palast zu ihrem spielen, springen, agieren und anderem Wesen aufzuschlagen.

Es ist der Hofprediger zu Loitz, Gregorius Hagius, der gegen den ketzerischen “Spielkram” gegenanschreibt. Doch mit seinem Brief vom 26. August 1606 hat er keinen Erfolg beim Herzog, so Professor Werner Buchholz, Historiker aus Greifswald.

Zitat: Gelanget demnach an Eure fürstliche Gnaden mein untertänig gnädig Bitten, sie wollen Ihres Fürstlichen Amts und Hoheit eingedenk, Gottes Ehr und Kirch von solcher unchristlichen Profanation retten und den Comödianten mit Ernst befehlen und gebieten, das sie die Kirchen und Gotteshäuser mit Ihrem Wesen ungeschändet und unverspottet lassen und den Spielplatz wiederum aus der Kirchen schaffen…

Sechs weitere Schreiben erreichen den Herzog in den darauffolgenden zwei Tagen, die Gregorius Hagius an “Eure Fürstliche Gnaden” richtet und in denen er gegen die Schändung seiner Kirche wettert, die Komödianten am liebsten “mit Hunden und Henkern aus dem Land jagen” will. Doch man schenkt ihm kein Gehör .

Musik: Robert Johnson: “The Satyrs Masque”

Im Jahre 1606 ist Pommern seit gut 70 Jahren prothestantisch, keine zehn Jahre dauert es, dann kommt auch der Calvinismus in das Herzogtum der Greifen.
Ausgelassenes Treiben mit Wein, Weib und Gesang sind also verpönt unter den Geistlichen, die mit Mühe die prothestantisch strenge, arbeitsame Weltsicht an ihre Schäfchen im Ort weitergeben wollen. Da ist das Treiben am Hof ein denkbar schlechtes Beispiel.

Doch nicht nur die Geistlichkeit ist empört, auch die weltlichen Vertreter des pommerschen Landtages zu Wolgast reichen Beschwerden ein, wie z.B. Joachim von Wedel auf Krempzow-Schloß und Blumenberg:

Zitat: Nachdem auch die meisten Schulden noch auf der Kammer ersitzen, so ist zu befürchten, daß nur ein neuer Flicken auf einen alten Rock gesetzet sei…inmassen er denn neulich etliche und zwanzig Engländer, musicanten, springer, tänzer und pussenreißer, so die artes voluptaris üben und anders nirgends nützen, als daß sie fraß, schwalg und ander unordnung und verschwenden befordern…

Musik: Robert Johnson 1582-1633: “Have you seen the white lily grow”

Die Komödien in der Schloßkirche zu Loitz waren immer ein Höhepunkt im Hofleben. Obwohl die Komödianten ihre Stücke in einer für die Zuhörer fremden Sprache, also auf englisch vortrugen, tat das ihrer Beliebtheit keinen Abbruch. Im Gegensatz zu heute wurden die Dramen viel verständlicher in einer Art Pantomime dargestellt, so daß alle Zuschauer verstanden worum es geht.

Die gesamte Zeit der Regentschaft von Philipp Julius in Pommern-Wolgast gab es englische Schauspieler, Komponisten und Künstler am Hof, ein Zeichen von Weltoffenheit. Erst im Jahre 1623, 2 Jahre vor dem Tod von Philipp Julius erreichte den Herzog folgendes Schreiben seiner englischen Künstler:

Zitat: …Weil denn nunmehr solch Jahr verflossen und wir aus bewegenden Ursachen uns wiederum in England zu begeben entschlossen, solches aber zu angehender Winterzeit geschehen muß, als gelangt an Eure Fürstliche Gnaden unser untertänigst Bitten, dieselben geruhen gnädig und uns in Gnaden dimittieren und gnädigen Abschied erteilen wolle, daselbst sein um Eure Fürstlichen Gnaden wir mit untertänigsten Diensten zu verschulden erbietens untertänige gehorsame Diener Richard Jones, Johan Kostressen, Robert Dulandt…

Ob nach dem Tod von Philipp Julius 1625 die Tradition der Hofkomödien in der Loitzer Schloßkirche fortgesetzt wurde, ist heute unbekannt. Mit dem Aussterben des Greifengeschlechts gerät Pommerns Zukunft ins Wanken. Der später 30jährige Krieg wütete bereits seit 7 Jahren in Deutschland, für Hofbälle gibt es da sowieso keine Zeit.
Und schließlich ereilt das Schloß und die Kirche von Loitz das Schicksal unzähliger Gebäude während des Krieges. Sie werden beide völlig zerstört und die einst bedeutende Herzogenresidenz Loitz fällt damit dem Vergessen anheim.

Musik Henry Lawes 1596-1622: “Man’s life is but vain”