Überlebenskampf im Freistaat.

Schwindende Pluralität in der bayerische Zeitungslandschaft

In Bayern scheint die Medienvielfalt mit 64 Blättern von Berchtesgaden bis Hof im Freistaat hoch zu sein. Schaut man genauer hin, relativiert sich der Eindruck sehr schnell. Den Markt teilen sich vor allem drei Medienkonzerne und die wollen sparen. 

Bericht im Deutschlandfunkkultur Länderreport Juni 2017.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/ueberlebenskampf-im-freistaat-die-bayerische.1001.de.html?dram:article_id=389583

Ja, bei uns sitzt der Frust relativ tief, weil wir leiden ja alle, auch unsere Leser, aber wir warten auf das Signal, das bislang noch nicht gekommen ist.

Das ist ein Kräftemessen momentan und wir wollen ja auch arbeiten, wir wollen ja Zeitung machen, dafür sind wir ja in dem Job, ne?

Der Frust sitzt tief bei den Mitarbeitern des Nordbayerischen Kuriers in Bayreuth. Seit ihre Zeitung im vergangenen Jahr von der Frankenpost mehrheitlich übernommen wurde, ist es mit der langjährigen Beschaulichkeit des früheren Familienbetriebs vorbei. 50 Mitarbeiter sollen entlassen werden. Von einer Einigung über einen Sozialtarifplan ist man weit entfernt, kurze Arbeitsniederlegungen reihen sich an tagelange Streiks. Und die Leser merken das:

Sicherlich, wenn es weniger Arbeitsplätze gibt, leidet die Qualität.

Man kann sogar davon ausgehen, dass abgebaut wird, dass die Zeitung wegfällt, für eine Bezirkshauptstadt eigentlich undenkbar.

Wir haben ja hier nicht andere lokale Zeitungen, die rundum informieren, also das wäre schon ein Verlust, ja.

Eigentümer sitzen nicht mehr in Bayern

Der neue Eigner in Bayreuth, dem die Frankenpost mit Sitz in Hof gehört, sitzt in Baden-Württemberg: Die Südwestdeutsche Medien-Holding, eine der größten Unternehmensgruppen für Zeitungen und andere Medien in Deutschland. Bis spätestens 1. Juli soll der derzeitige Verlagsleiter der Münsterländer “Borkener Zeitung” Serge Schäfers dann die Geschäfte in Bayreuth übernehmen. – Gunter Becker, Betriebsratsvorsitzender des Nordbayerischen Kurier sieht für die Zukunft schwarz:

Das ist ein ganz harter Kurs, ein sehr enger Kurs, der begann mit der Übernahme des Zeitungshauses. Dann hat man geguckt, welche Mitarbeiterkapazitäten – so heisst es hier, eigentlich sind es ja Menschen, aber hier heißt es Mitarbeiterkapazitäten, das sind nur Stellen –, wie man die einsparen kann und dieses entwickelte Konzept will man umsetzen auf Teufel komm raus, ohne Menschlichkeit, ohne Empathie, sondern hier geht es nur um Business, purer blanker Kapitalismus.

Zulieferung von Außenstellen, Mantelteil aus der Zentrale

Die Situation beim Nordbayerischen Kurier ist vergleichbar mit anderen Zeitungshäusern in Bayern. Betriebsrat Becker kennt einige Beispiele, wie es gehen kann, wenn Lokalredaktionen zusammengelegt, die Mantelseiten von der weit entfernten Zentrale gestellt werden und Berichte von freien Mitarbeitern oder Bürgerreportern statt von angestellten Journalisten kommen. Bayreuth, immerhin die Zentrale des bayerischen Regierungsbezirks Oberfranken würde medial zur Außenstelle von Hof verkommen, meint Becker:

In spätestens vier Jahren denke ich, werden wir hier ausziehen, weil die Rumpfmannschaft von 20-30 Leuten, die es beim Kurier noch geben wird – dann wird es auch keine Druckerei mehr geben, davon bin ich überzeugt – dann wird diese kleine Rumpfmannschaft in eine kleine Mietwohnung in die Innenstadt ziehen und wir sind noch die Außenredaktion Bayreuth der Frankenpost.

Rendite für die Gesellschafter der Konzerne

Immer mehr Verlage springen auf den Zug der Kooperationen, Aufkäufe und des Stellenabbaus auf, kritisiert der Bayerische Journalistenverband. Ihr ehrenamtlicher Vorstand Michael Busch arbeitet in Erlangen selbst als Lokaljournalist. Er beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Es gehe nicht mehr um Qualität, sondern nur um die Rendite für die Gesellschafter der Konzerne. Neben dem großen Platzhirschen Südwestdeutsche Medien-Holding bestimmen vor allem die Passauer Neue Presse aus Niederbayern und die Augsburger Allgemeine die Medienlandschaft in Bayern.

Wir erwarten keine Fusionen mehr, wir erwarten eher nochmals Kooperationen, dass die unterschiedlichen Häuser Möglichkeiten entdecken, wie sie inhaltlich zusammenarbeiten können. Dieser Austausch findet ja bereits statt. Wenn wir nach Oberfranken schauen, dort die Mediengruppe Oberfranken, die dort eine relativ große Rolle spielt, deren Nachbar ist die Mainpost, dort hat man Redaktionen, die schon zusammen arbeiten. Es gibt sogar die Einmaligkeit aus unserer Sicht hier in Franken, dass dort zwei Konkurrenzhäuser tatsächlich in einem Haus sitzen. Das ist die Kissinger Zeitung und die Mainpost selber.

In den vergangenen Jahren wurde gekauft, was nicht niet- und nagelfest war. Ob in Bayern oder in Osteuropa – wie Polen und Russland -, wo die dortigen Regierungen jetzt per Gesetz die ausländischen Verlage wieder aus dem Land drängen wollen.

Zeitung kaufen liegt im Trend

Ein Grund für die Investitionen der Medienkonzerne: Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Ehe die Gelder auf der Bank liegen, wird eine Zeitung gekauft. So erst kürzlich sehr überraschend in Ingolstadt: Seit dem 1. Januar 2017 gehört der 1945 gegründete Donaukurier zur Passauer Neuen Presse, genauer zur Verlagsgruppe Passau GmbH, der praktisch zwischen Berchtesgaden, Deggendorf, Landau an der Isar und Altötting alle maßgeblichen Zeitungen und Anzeigenblätter gehören plus Lokalblätter in Tschechien.

Sauer waren wir beim BJV, war ich auch selber, weil diese Übernahme stattgefunden hat in einer Zeit, in der die Passauer Neue Presse selber inhäusig Tarifstreitigkeiten ausgefochten hatte. Und in diesem Streitgebaren, in dieser Lage, dass wir dort nicht zu Verhandlungen kamen, weil die Verlegerin schlichtweg Gespräche abgelehnt hat, wird die zweite Zeitung gekauft, der Donaukurier .

Elf Printverlage gäbe es zwar noch in Bayern, so Busch. Aber die Kooperationen nehmen zu. Auch wegen des kürzlich veränderten Kartellrechts zugunsten der Verlage. Die Medienvielfalt sinke:

Wir als Verlag sehen die Zusammenlegung sehr positiv.

Sagt Harald Brenner, Anteilseigner des Münchner Verlages, der vor einem knappen halben Jahr die Lokalredaktionen seiner zwei Angebote Münchner Merkur und TZ unter Protest der Mitarbeiter zusammenlegte:

Sie hat nach unserem Verständnis die Qualität der Berichterstattung in bei den beiden Zeitungen verbessert und auch die Vielfalt der angebotenen Themen ist erweitert worden.

Vor allem die Konkurrenz durch den mittlerweile bayernweit trimedial agierenden Bayerischen Rundfunk lasse den Druck auf alle bayerischen Zeitungsverleger steigen, so Harald Brenner. Die Oberhoheit der Printmedien über die reine Nachrichteninformation gehe immer mehr verloren.

Die Möglichkeiten, die man hier hat, um gegen konkrete App-Angebote vorzugehen sind sehr begrenzt, weil sich diese Angebote jeden Tag ändern und man nur konkrete Ausgestaltungen einer juristischen Prüfung unterziehen kann.

Die Annäherung der Medieninhalte und digitalen Ausstrahlungswege nutzen mittlerweile fast alle bayerischen Verlagshäuser, um bei der Konkurrenz bestehen zu können. Nur die Fränkische Landeszeitung verweigert sich dem Onlinegeschäft konsequent. Journalisten, wie die Landtagskorrespondentin Christine Schröpf von der Mittelbayerischen aus Regensburg twittert, fotografiert, liefert aus dem Landtag kleine Filmchen und schreibt noch Hintergrundgeschichten.

Also wir haben natürlich eine großen Onlineauftritt, wir machen für die Mediabox Kurznachrichten, wir machen Whatsapp, wir sind auf den sozialen Netzwerken unterwegs, wir haben ein e-paper, wir machen ein Mittagsmagazin, also Fernsehen am Mittag mit den wichtigsten Nachrichten speziell auch aus der Region.

Blogger als Gegengewicht?

Zeitungen wie die mittelbayerische treten damit auch der wachsenden Zahl an Bloggern im Freistaat entgegen, die sich ihrerseits als die wahren Lokalberichterstatter darstellen. Der frühere Mitarbeiter der Passauer Neuen Presse Hubert Denk mit seinen MedienDenk.de-Seiten in Passau oder auch istlokal.de vom freien Journalisten Hardy Prothmann, früher bei Spiegel, Focus und Hessischem Rundfunk und dazu Peter Posztos, Chef der Tegernseer Stimme, wollten bereits 2011 ein Gegengewicht zu den großen Medienkonzernen bieten. Ein geplanter Blogverbund kam jedoch nicht zustande. Die „Erneuerung von unten sei gescheitert“ , meint Blogger Prothmann. Vorerst.

Fast privilegiert erscheint da die Lage der Süddeutschen Zeitung, Deutschlands Flaggschiff der linksliberalen Berichterstattung.

Es sind sinkende Anzeigenerlöse, es sind sinkende Auflagenzahlen, sinkende Verkaufserlöse. Auf der anderen Seite muss man aber feststellen, dass das Unternehmen auch generiert, beispielsweise im digitalen Bereich.

Flaggschiff Süddeutsche von Stuttgart aus geführt

Das Haus gehört zwar seit fast zehn Jahren nicht mehr den Münchnern, der interne Umbau geschah relativ unbeachtet von der Öffentlichkeit. 2008 übernahm eben jene Südwestdeutsche Medienholding aus Stuttgart, die jetzt beim Nordbayerischen Kurier Stellen abbaut, die Süddeutsche und machte daraus acht GmbHs. Drei davon unterliegen noch der Tarifverordnung, erklärt Betriebsrat Jens Ehrlinger.

Die letzten Jahre waren in unserem Konzern aus meiner Sicht, die härtesten Jahre für Betriebsräte, die ich persönlich erlebt habe.

Die Konzernzahlen, die ihm vorliegen, stammen von 2015, die aktuelle Lage könne er nur schätzen.

Ganz so prekär dürfte es der Medienholding aber nicht gehen, mutmaßt der Betriebsrat. Personalverschiebungen im Anzeigeninnendienst, die Auslagerung in ein Callcenter in Hof, die allgemein gängige Tarifflucht der Medienkonzerne sei nicht gerechtfertigt.

Anders als bei der Abendzeitung, Münchens ältester Boulevardzeitung, gegründet 1948. Sie wurde 2014 nach der drohenden Insolvenz von dem Besitzer des Straubinger Tageblatts Martin Balle übernommen und schreibt jetzt wieder kleine schwarze Zahlen. Mit Mantelseiten, die aus dem niederbayerischen Straubing zugeliefert werden.

ENDE