Eine „kulturelle Zumutung“. Nicht nur für Schliersee.

Kabarettist Gerhard Polt, die Well-Brüder und Die Toten Hosen auf Tour

Was verbindet die Well-Brüder, besser bekannt durch ihre frühere Band „Biermöslblosn“, den Kabarettisten Gerhard Polt und die Toten Hosen? Nichts. Könnte man denken. Tatsächlich spielen sie seit 1986 immer mal wieder zusammen. Zuletzt 2017. Da gab es die Biermöslblosn schon gar nicht mehr, Polt steuerte auf die 80 zu und Campino – der ist mittlerweile auch schon über 60. Passen die drei ungleichen Künstler deshalb heute besser zusammen? Warum zieht es sie nochmal auf eine einmonatige Tour durch 14 Städte? Gelsenkirchen, Hamburg, Berlin, Jena, Dresden, Stuttgart und auch Wien. Für den Tourauftakt wählte der Trupp das oberbayerische Schliersee. Eine „kulturelle Zumutung“?

Wo die Well-Brüder, ehemals Biermöslblosn, auftreten in Bayern, brennt die Hütte. Wenn Gerhard Polt dabei ist, sowieso. In Schliersee platzt die Hütte des über 100 Jahre alten Bauerntheaters fast aus allen Nähten. Denn es herrscht mal nicht tote Hose Freitag Abend im Voralpenland, sondern Die Toten Hosen: deftige Drums, Dezibelpegel weit über dem dörflichen Normalwert. Und das in dem holzvertäfelten Bau, pittoresker Balkon samt Geranien, ein tiefst altbayerisches Maibaumstangerl vor der Tür, blumige Dirndlmadel neben ganzkörpertätowierten, rheinländischen Securityboys, die breitbeinig den Einlass zu den übersichtlichen 430 Plätzen absichern. Die meisten Karten an diesem Abend gehen an geladene Gäste, viele Schlierseer bleiben vor der Tür, nur ein Bruchteil der Tickets landet im freien Verkauf:

Ich bin riesiger Gerhard-Polt-Fan und das passt aber sowas von.

Bayerische Blasmusik und Punk.

Es passt richtig gigantisch, sowohl von der Musik, von der Stilrichtung. Das sind gute Freunde und das merkt man ihnen auch an beim Spielen.

Meint diese Zuschauerin. Neben ihr ein Tote-Hosen-Fan, zum ersten Mal am Schliersee:

Ich denke schon, dass das eh die letzte Tour ist vom Polt mit den Biermöslblosn bzw. den Well-Brüdern, da gehe ich stark davon aus, dass es das letzte Ding ist, was sie da nochmal durchziehen.

Wir sind natürlich froh, dass wir jetzt so einen Coup landen konnten.

Mathias Schrön, Kurdirektor von Schliersee:

Also das Bauerntheater kann viel und der Gerhard hat ein Heimspiel hier, aber auch Campino hat familiäre Beziehungen zu Schliersee.

Noch einmal auf der Bühne stehen, und das unweit von seinem Haus, noch einmal touren. Mit 81 Jahren. Ja, das muss sein, sagt Gerhard Polt, das tue er sich noch einmal an:

Weil es a Gaudi ist… weil es halt für uns schön ist und lustig und wir eine schöne Zeit immer miteinander verbringen, das ist für alle eine Begegnung, die wir nicht immer alle haben, immer äußerst sporadisch, und jetzt haben wir gesagt: machen wir das nochmal… Das ist einfach was seltenes auch, diese zwei Musikarten, die da verschmelzen in einer guten Weise, wie ich finde. Das ist was, was man nicht häufig hört.

Zum Beispiel Campino am Alphorn, eine kleine Zumutung. Dann an der Trompete. Dass er als Kind ein Instrument lernen musste, zahle sich jetzt aus, meint der Frontmann der Toten Hosen. Eine Seelenverwandtschaft, die nur auf den ersten Blick überrascht, sagt Stofferl Well, einer der drei Ex-Biermöselblosn-Brüder:

Wir verstehen uns blendend, zur Not weichen wir vom Bayerischen aufs Englische aus, die Inhalte sind relativ ähnlich, wir haben einen ähnlichen, gleichen Humor, deswegen vertragen wir uns ja. Also auch die Hosen wissen, dass Humor immer Notwehr ist gegen Sachen, die man nicht ändern kann und das ist die Basis unserer Zusammenarbeit.

Fast 40 Jahre dauert diese ungewöhnliche Freundschaft schon, 1986 begonnen, damals im oberpfälzischen Wackersdorf, beim Protest-Singen gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage. Protestieren können die subversiven Well-Brüder noch immer in feinen Pointen. Während Campino die große Keule schwingt.

Das Programm, das sind Lieder, die wir, wenn wir schon zusammen sind, gern miteinander spielen, und neue Sachen, ganz gut gemischt.

Eine schräge Mischung tourt da bis Mitte August durch Deutschland. Perfektion? Normales Musik-Punkkonzert? Bloß nicht. Ein wilde Mischung aus rockiger Blasmusik, Hits der Hosen, bei denen die Well-Brüder munter drauflos improvisieren. „Forever. Eine kulturelle Zumutung“, wie das Programm ja auch heißt, nachdem das erste Motto, eine „kulturelle Aneignung“ von den alten Protestlern verworfen wurde. Im Prinzip ist alles erlaubt, Hauptsache Protest gegen Mainstream-Musik und Gleichförmigkeit. Campino in Lederhosen – darf er das? Oder ein Bayer mit Kölschglas – muss das? Polt lacht:

Ich möchte das jetzt gar nicht vertiefen, weil dann müsste man ein Gespräch führen, was man meint, wer was damit gemeint haben könnte, das kann man nicht einfach mit Pro und Kontra, schwarz oder weiß beantworten. Das ist kompliziert, das ist komplex.

Und der Well Stofferl ergänzt:

Ich finde das großartig, dass der Bach damals nach Italien gefahren ist und sich die Konzerte von Vivaldi kulturell angeeignet hat. Wir machen es genauso.

Und das handverlesene Publikum von Schliersee mit und ohne Lederhosen ist begeistert:

Sehr witzig, kurios, gute Mischung, von allem was dabei.

Die Show war super, sehr abgestimmt auf die Umgebung, dass Schliersee mit einbezogen wurde, auch bissl verarscht, zurecht, aber war super.

Ja, enorm. Die Hosen hätten sie sich schenken können. Ich bin heut das erste Mal da, das Aufgebot an Künstlern in so einer Location ist schon eher geil.

Totaler Stilbruch, aber es war einfach spitze.

Einfach drauflosspielen, egal ob es passt, das ist die Gaudi, weshalb die Hütte brennt bei den alten und neuen Liedern und Sketchen. Bis Gelsenkirchen wird man musikalisch zusammengefunden haben, lacht Campino. Als Musikkritiker hofft man das, als Konzertgänger ist gerade das Chaos das köstliche an dem Abend.

ENDE