Unterwegs in Douala.

Das Erbe von Manga Bell. Neuer Umgang mit der Kolonialzeit in Kamerun Sonntagsspaziergang DLF

Von der Polizeistation, über das Justizministerium bis hin zum Denkmal für Reichskommissar Gustav Nachtigal – Kameruns Hafenstadt und Wirtschaftszentrum Douala ist geprägt von deutschen Bauten. Douala war die erste Hauptstadt des sogenannten Deutsch-Kamerun, bevor die Kolonialgouverneure nach Buea umzogen am höchsten Berg und Vulkan des Landes, dem Mount Kamerun.

Anfangs als Schutzgebiet des Deutschen Reiches deklariert, hatte das Deutsche Reich vor allem Interesse an den Bodenschätzen und dem Land der schwarzen Bevölkerung. Die Ziele wurden brutal umgesetzt. Der König der lokalen Duala-Bevölkerung Rudolf Mang Bell setzte sich für ein Aussöhnung zwischen seinem Stamm und den Kolonialisten ein. Sein Aufenthalt in Deutschland und Kenntnis der deutschen Sprache und Kultur verhinderte nicht seine Hinrichtung kurz vor Ende der deutschen Kolonialzeit. Jedes Jahr im August liegen im Zentrum von Douala Blumen an seinem Hinrichtungsort. Seine Urenkelin betreibt heute eine Kunstgalerie neben dem ehemaligen Palast.

Historische Karte vom deutschen Douala um 1900. Künstlerin und Kuratorin Chantal Edie, Kuratorin der Ausstellung „Staat Kamerun“ 2025

Wie soll man wertschätzen, was gewesen ist, wenn man sich nicht daran erinnert ?

Wie soll man sich erinnern, wenn die Spuren nicht weiterführen…

Eine junge Kamerunerin nachdenklich im Auto bei der Fahrt durch ihre Heimat. Vorbei an dem gepflegten Denkmal für den deutschen Kolonialoffizier Gustaf Nachtigal, vorbei an dem ehemaligen deutschen Nachtigal-Krankenhaus, heute die Polizeistation der Hafenstadt Douala und zweitgrößten Stadt Kameruns. Sie fährt auch vorbei am früheren Gouverneursgebäude von 1891, das heute die Unterpräfektur des 1. Bezirks von Douala beherbergt. Was sie nicht sehen kann ist der mächtige bayerische Löwe auf dem Denkmal für den deutschen Offizier Karl Freiherr von Gravenreuth, entworfen von Ferdinand von Miller aus München. Das steht noch immer, aber versteckt und nicht zugänglich auf Privatgelände auch in Douala, direkt am afrikanischen Atlantik.

Ich denke, was wir heute über die Kolonialzeit sagen können, ist, dass darin die Ursachen für die vielfältigen politischen, sozialen und ökonomischen Krisen liegen, die Afrika heute durchmacht.

Mit Verwunderung und Neugier hinterfragt die junge Filmemacherin Stella Tchuisse, Vertreterin der heutigen, jungen Generation Kameruns, die Spuren der Vergangenheit und das heißt für ihr Land:

140 Jahre Unterzeichnung der deutschen Schutzverträge mit den Bewohnern dieser Region im Regenwald der zentralafrikanischen Tropen,1884.

Seitdem Fremdherrschaft – 30 Jahre davon unter deutscher, 40 unter französischer und britischer Kolonialregierung bis 1960.

Und die junge Frau fragt, stellvertretend für ihre Generation:

Ist das wichtig oder nicht doch längst Vergangenheit in einer globalisierten Welt mit Smartphones und westeuropäischer Kleidung vom lokalen Secondhandmarkt an den staubigen Straßen von Douala?

Das interessante ist, junge Leute wissen im Prinzip gar nichts über die Entstehung Kameruns, über die Kolonialzeit, die Trennung in französische und britische Gebiete nach Ende der deutschen Zeit. Und erstaunlicherweise wissen es vor allem die Jugendlichen aus den französischen Gebieten nicht.

In Kamerun heute, wenn man etwas wirklich wichtiges plant für das Land, dann benennt man das Projekt nach einer wichtigen Persönlichkeit der Geschichte. Wenn man an die Kolonialzeit denkt, denkt man zuerst an Gustaf Nachtigal. Es stimmt, die Kolonialzeit war brutal, aber wir brauchen diese Denkmale, um den Kindern die Geschichte zu erklären anhand dieser Monumente.

Stella Tchuisse und der junge Kameruner Alexander Kiyisange gehören zur neuen Generation Kameruns und ja, auch ganz West- und Zentralafrikas, die diese Geschichte und ihre heutigen Folgen hinterfragen wollen. Die wissen wollen, warum es in Kameruns Hafenstadt Douala so viele deutsche Gebäude gibt, deutsche Architektur, Straßen aus der deutschen Kolonialzeit. Und dafür fast keine französischen Bauten, keine offensichtlich greifbaren Überreste der britischen Zeit.

Ja, Nachtigal war brutal, aber nicht von Anfang an, wir erinnern uns oft an ihn. Es gibt in Douala auch einen Platz Charles de Gaulle, den Franzosen, der Kamerun ausgebeutet hat, aber er gehört zur Geschichte dazu. Unter all den kolonialen Teufeln, die nach Kamerun kamen, waren die Deutschen weniger schlimm wie die Franzosen.

Warum die deutsche Zeit teilweise glorifiziert wird?

Ein viel schwerwiegenderes Erbe hat die französisch-britische Zeit hinterlassen: zwei verschiedene Gesetzesgebungen: das Commonwealth law nach britischem Recht im ehemals britischen Landesteil und das französische Gesetz nach Pariser Vorbild in den restlichen acht Regionen Kameruns. Die Trennung in eine anglophone Zone und eine frankophone Zone. Ursache für Tausende von Toten seit 2016, einer vergifteten Atmosphäre im Land, Sezessionsbestrebungen, die das Land spalten. Und eine verlorene Generation an Kindern und Jugendlichen in den anglophonen Gebieten Südwest und Nordwest-Kamerun, die nicht zur Schule gehen können– seit acht Jahren, weil die Schulen entweder von Terroristen oder von der Zentralregierung geschlossen wurden, so genau weiß das keiner. Die ganz aktuellen Auswirkungen der Kolonialzeit.

Ehemaliges deutsches Gouverneursamt

Douala, ganz im Süden am westlichen Knick von Afrika, wo die Küste Richtung Süden abbiegt, ist die Wirtschaftsmetropole Kameruns. Der Geburtsort des riesigen, heterogenen Landes, das es ohne die Kolonialzeit nicht geben würde, weder in den durch die Kolonialmächte willkürlich gezogenen Grenzen noch in dieser Größe.

Der Hafen von Douala ist einer der größten und wichtigsten West- und Zentralafrikas. Hier wird Holz aus dem Kongobecken verschifft, hier kommt die Ölpipeline aus dem Tschad an. Hier haben die Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts das größte Gefängnis Westafrikas gebaut, in dem heute bis zu 5000 Häftlinge noch immer quasi hinter deutschen Gittern sitzen.

Die Woermann-Häuser. Gründung der Niederlassung der Hamburger Handelsfirma in Kamerun 1868

Im Stadtzentrum reiht sich ein Kolonialgebäude ans andere. Fritz Wilhelm, Verfasser der umfangreichsten kritisch-objektiven Publikation zur deutschen Architektur in den afrikanischen Kolonien hat sie beschrieben. Heute Anhaltspunkt für junge kameruner Architekturstudenten. Fritz Wilhelm:

Zum Glück würde man heute sagen, das sind ökologisch und nachhaltig gemachte Bauten, die wissen, was es für klimatische Verhältnisse hat und in der Regenzeit, wenn es um die Überschwemmungsproblematik geht, wurden die Farmerhäuser aufgeständert, also auf Füßchen gestellt von einem Meter Höhe, und dann ein Holzhaus draufgesetzt, so dass, wenn der Regen kommt, das Holz nicht angegriffen wird oder in das Haus läuft.

Im ganzen Land sind diese einfachen, praktischen Häuser zu sehen, Bis in den Tschad hinein und dort bis heute aus Backstein im norddeutschen Stil gebaut.

Douala, eine quirlige, unübersichtliche Stadt, benannt nach dem Volk der Duala.

Vor 140 Jahren in den 1880er Jahren stand da ein kleines Fischerdorf. Ein winziger Ort am Ufer des Flusses Wouri, in dem bis heute die Camarões gefangen werden mit kleinen Booten. Garnelen, die dem Land den Namen gaben – portugiesisch Rio dos Camarões wurde zu Kamerun.

Was wir in Kamerun über Rudolf Manga Bell wissen, ist, dass er einer der Stammeschefs war, die mit den Deutschen kollaborierten, er wurde von den Deutschen benutzt, um die anderen Stammeschefs vom Nutzen der Kolonie zu überzeugen, die dagegen kämpften. Er half den Deutschen, Kamerun zu annektieren, änderte aber später seine Meinung, das ist das, was wir hier wissen.

Auf dem kleinen Platz vor der alten deutschen Polizeistation werden jedes Jahr am 8. August Blumen niedergelegt. Hier wurde 1914, am Vorabend des Ersten Weltkrieges der König der Duala, Rudolf Manga Bell, hingerichtet. Es wurde ihm von den Deutschen vorgeworfen, eine Intrige gegen die Deutschen vorbereitet zu haben. Stimmt nicht, sagen Wissenschaftler heute. Es war eine Kurzschlusshandlung, ungerechtfertigt, ohne Beweise für den angeblichen Hochverrat gegenüber der Kolonialverwaltung. In den kameruner Geschichtsbüchern steht es anders, sagt Alexander Kiyisange aus der Krisenregion Südwest-Kamerun.

Die deutsche Korvette SMS OLGA bei der Beschießung von Hickorytown (heute Duala), Kamerun, am 21. Dezember 1884

Es existieren im deutschen Bundesarchiv in Koblenz noch verwaschene Fotos aus dem 19. Jahrhundert: Die Ankunft des preußischen Militärschiffs Olga, das im Dezember 1884 das Fischerdorf Hickorytown beschoss, eine kleine Fischersiedlung der Bonabéri und Bonanjo, Stämme des dort herrschenden Duala-Clans.

Ein anderes Foto zeigt den Beschuss von Belltown, dem Sitz des örtlichen Clanchefs Lock Priso Bell / Kum’a Mbape, König der Sawas.

1983 wurde Omog Thomas Franz von dem Historiker Wang Song aufgenommen. 1905 ging Franz in eine deutsche Schule in der damals deutschen Kolonie, lernte die Nationalhymne der Deutschen. Und hat sie nie vergessen. Tondokumente aus den 1980er Jahren, die heute in der Gerda-Henkel-Stiftung verwahrt werden.

Die Frage nach der Kolonialzeit ist die Frage nach unserer Identität. Der Gründung von Kamerun, das es vorher so in diesen Grenzen, auf dieser Fläche nicht gab.

Marilyn Duala Manga Bell, Nachfahrin von Rudolf Manga Bell betreibt ihre Galerie Doual’Art mitten im Stadtzentrum von Douala, gleich am Hauptplatz, neben dem ehemaligen Palast der Könige Manga Bell. Gegenüber vom Eingang zur Galerie der 66jährigen protzt ein französisches Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, nur für die französischen.

Unsere Galerie beschäftigt sich damit seit jetzt 30 Jahren und stellen uns die Frage nach den Hintergründen und Auswirkungen der Gründung des Staates Kamerun. Warum ist das interessant? Es gibt eine immer stärkere Fragmentierung der Gesellschaft, es wird immer mehr die eigene und gesellschaftliche Identität hinterfragt. Wir haben seit 2016 einen Bürgerkrieg im Südwesten und Nordwesten aufgrund dieser Kolonialzeit. Im Moment befinden wir uns uns in einer extrem schwierigen Zeit.

In einem weniger feinen Viertel von Douala, umgeben von Strassenverkehr, auf der anderen Seite des Flusses Wouri, liegt das Büro und Ausstellungszentrum von AfricAvenir. Hier in Bonaberi, an der Ausfallstrasse Richtung Westkamerun, gingen vor über 120 Jahren die deutschen Expeditionen Richtung Westen entlang. Richtung Buea, der späteren Kolonialhauptstadt.

Im Vortragssaal der Stiftung steht ein bunter Schiffsbug, der sogenannte Schiffsschnabel. Es ist eine Kopie des heute in München ausgestellten Originals. Der Deutsche Max Buchner hatte den traditionellen Schiffsburg 1884 nach Bayern gebracht. Er habe ihn geraubt, sind die Nachfahren des damaligen Stammeschefs überzeugt. Gemeinsam mit anderen Schiffsschnabeln, die sie ebenfalls in München vermuten. Max Buchner, eigentlich studierter Arzt, begleitete Gustaf Nachtigal bei dessen erster Ankunft an der Mündung des Wouri, als die Hamburger Kaufleute Woermann die ungleichen Handelsbeziehungen mit den afrikanischen Stämmen durch das deutsche Kaiserreich gesichert sehen wollten.

Immer wieder sind deutsche Delegationen zu Besuch in dem offensichtlich in die Jahre gekommenen Stiftungshaus aus den 80er Jahren. Botschaftsmitglieder, Mitglieder vom deutschen Bundestag. Ein Grund: Der maßgebliche Initiator und Treiber der Stiftung ist in Deutschland zur Schule gegangen und hat in München studiert.

Prinz Kum’a Ndumbe III., heute emeritierter Historiker, Politologe und Germanist, studierte in München und kämpft für eine Wiederbelebung der vorkolonialen Sprachen. In Interviews für kameruner Medien spricht er gern im Dialekt seiner Vorfahren.

Die Jugendlichen wissen heut davon nichts, sie sprechen nur die zwei Sprachen, englisch und französisch. Das ist dramatisch, denn das ist die erste Kolonisierung. Wenn Du Deine Sprache nicht sprichst fehlt Dir der Schlüssel – zu allem. Der Schlüssel zu Deiner Geschichte, zur traditionellen Spriritualität. Dann kommt noch die Christianisierung dazu und die Islamisierung. Das ist alles konstruiert, das unser Drama.

Prinz Kum’a Ndumbe versucht sein Wissen über die Geschichte der Stadt und Kameruns an die Jugend weiterzugeben. Eine eigene Edition hat zahlreiche Bücher herausgegeben.

Zeit für die afrikanische Renaissance, ist er überzeugt und die politische Entwicklung in Mali, Burkina Faso, Niger und seit kurzem im Senegal geben ihm Recht.

Eine Rehabilitierung afrikanischer Identitäten und der Geschichte des Kontinents, sei längst überfällig.

ENDE

Ausweis der Schutztruppe Kamerun
Checkpoint in Douala um 1900 (Bundesarchiv)

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