
Kamerun, das zentralafrikanische Land zwischen Nigeria, Tschad und Kongo, gehörte zu den deutschen Kolonien in Afrika. Viele Initiativen, auf deutscher wie auf kameruner Seite, versuchen, diese Zeit aufzuarbeiten, zu dekolonisieren. Seit einigen Jahre gibt es regelmäßig Gespräche zur Rückführung kameruner Objekte aus deutschen Museen, aber bislang noch keine Restitution. Eine umfangreiche Ausstellung zur deutschen Besatzung in Kamerun mit dem deutschen Titel „Staat Kamerun“ – in der erstmals Objekte auch aus deutschen Museen gezeigt wurden – sorgte vergangenes Jahr für viel Interesse. Immer wieder sind traditionelle Herrscher des afrikanischen Landes zu Gast in Deutschland, zum Beispiel im Humboldtforum, um über die Rückgabe zu verhandeln. Jetzt wurde in der Hauptstadt Kameruns ein „Kamerun Haus“ eröffnet. Und es heißt dort genauso „Kamerun Haus“ – auf Deutsch.

Liest man in historischen Schilderungen ehemaliger deutscher Kolonialoffiziere oder Gouverneure über ihre Zeit in Kamerun, dann geht es um Militärexpeditionen, um die oft nicht freiwillige Herausgabe ritueller Kulturobjekte. Und um ihre Landgüter, um ihr „Kamerun Haus“. Weitläufige deutsche Besitztümer in Afrika, weit weg von der Regierung in Berlin.
Vor diesem kolonialen Hintergrund in Kameruns Hauptstadt ein deutsches „Kamerun Haus“ zu eröffnen irritiert auf den ersten Blick. Traditionell gekleidete Regional- und Dorfchefs, die Kameruner Fon, sind eigens dazu angereist. Die schweizer Botschafterin und der deutsche Botschafter sind geladen. Was hier entstehen soll ist ein Raum für Podiumsveranstaltungen und Konzerte, Ausstellungen und Vorträge – unter einem deutschen Namen. Man dürfe die Bezeichnung nicht politisch betrachten, sondern nur praktisch, meint einer der Dorfältesten. Ein anderer will den deutschen Namen nicht zu wörtlich nehmen.

Kulturmanager André Kounchou betreibt unweit seinen eigenen, privaten Kulturspace. Natürlich könne man irritiert sein, dass ein neues Kulturzentrum einen deutschen Namen trägt, in einer Zeit, in der Sprache und Traditionen dekolonisiert werden sollen. Sein Argument dafür:
Wenn es „Maison du Cameroon“ oder „Cameroonian House“ wäre, ich meine, es wird zwar Französisch und Englisch hier gesprochen, aber das sind auch koloniale Sprachen, das ist doch genau das Gleiche. Also ich sehe da keinen Unterschied, das kommt auf das Gleiche raus.

Die Wahl eines deutschen Namens sei zumindest in der jetzigen Debatte um Dekolonisierung unglücklich, äußert sich die kameruner Künstlerin Chantal Edie – aus gesundheitlichen Gründen schriftlich. „Es scheint ein weiterer Fall von unüberlegtem Handeln zu sein“, kommentiert sie. Im vergangenen Jahr war sie eine der Kuratorinnen der vielbeachteten, erstmals unter deutschem Namen laufenden Ausstellung „Staat Kamerun“, eine Schau zur deutschen Kolonialzeit mit zahlreichen, erstmal in Kamerun gezeigten deutsch-kolonialen Landkarten und Raubgut-Exponaten aus deutschen Museen.
Die Künstlerin Fatima Megna aus der westkameruner Kulturstadt Foumban meint per whatsapp-Nachricht: „Der Name „Haus Kamerun“ ist interessant, kann aber auch zu Verwirrung führen.“ Grundsätzlich sei jedes Kulturprojekt aber natürlich zu begrüßen.
Das „Kamerun Haus“, ein langgestrecktes einstöckiges Gebäude, prominent im Botschaftsviertel Bastos gelegen, mit üppigem Garten, zeigt bis März im open space draußen und im großen Saal die erste Ausstellung: kameruner Kunstobjekte, traditionelle Tanzmasken, Skulpturen und Fotos von den Besuchen kameruner Delegationen in Deutschland. Fotos von Vertretern einzelner Volksgruppen, die unabhängig von der kameruner staatlichen Kommission für Restitution in Deutschland unterwegs waren und über Rückgaben verhandelten. Das Problem für die elf deutschen Museen mit immerhin über 30 000 Objekten aus Kamerun: Rückführungen gehen nur an den Staat Kamerun und nicht an die Volksgruppen, was immer wieder für Diskussionen sorgt. Nach eigener Aussage will das „Kamerun Haus“ nun Vermittler für künftige Restitutionen sein.
Eine wunderbare Idee, meint der deutsche Botschafter Chrstian Sedat in seiner Rede:
Dieses neue Haus wird die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Kamerun bereichern, es wird ein Ort der kulturellen Bildung, des kulturellen Austausches auf internationaler Ebene werden, für Ausstellungen, wie heute zu sehen ist, und für Performances.
Man übernehme in Berlin, auch in der neuen Bundesregierung die Verantwortung für die Kolonialgeschichte, betont er. Das beziehe die Frage der Restitution mit ein, so Sedat.

Das „Kamerun Haus“ bedeute einen neuen Meilenstein in der deutsch-kameruner Beziehungen, ergänzt die Generalinspektorin des kameruner Kultur- und Kunstministeriums, Nge Rekia, verantwortlich für die Modernisierung der nationalen Archive, in denen noch immer Unterlagen aus der deutschen Zeit liegen.
Das Kamerun Haus ist für uns mehr als ein Gebäude, es ist ein Symbol der Hoffnung, für die Bildung einer guten Zukunft. Zusammen schauen wir in die Vergangenheit, während wir die Zukunft aufbauen. Die Zusammenarbeit zwischen Kamerun und Deutschland möge lange leben.
Im Goethe-Institut Yaoundé, wo bisher deutsche Kunst- und Kulturentwicklungen präsentiert werden, wartet man ab, welchen Stellenwert das „Kamerun Haus“ in der bilateralen Kulturarbeit einnehmen wird. Es gebe bisher keine Zusammenarbeit. Deutschland sei auch finanziell nicht beteiligt, heißt es vom Auswärtigen Amt in Berlin.
Erstaunen auch bei den Museen in Deutschland, die kameruner Raubkunst beherbergen: Man würde mit einem Kameruner zusammenarbeiten, der in Berlin ein „Kamerun Haus“ betreibt, sagt Uta Werlich vom Museum Fünf Kontinente München. Dass ihr Münchner Museumslogo nun im Kamerun Haus in Yaoundé auftaucht, gemeinsam mit 10 anderen Institutionen wie dem MAKK Hamburg oder dem Lindenmuseum Stuttgart, davon sei sie nicht informiert worden, so die Museumsleiterin. Für eine Zusammenarbeit sei sie aber jederzeit offen.

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